Der 1. Januar 2021 markiert einen Wendepunkt in der deutschen Schweinehaltung: Ab diesem Datum ist die betäubungslose Ferkelkastration in Deutschland verboten. Diese Regelung stellt die Landwirte vor die Notwendigkeit, sich für alternative Verfahren zu entscheiden. In Thüringen beispielsweise werden jährlich über 2 Millionen Ferkel erzeugt, von denen etwa die Hälfte männlich ist. Von diesen männlichen Ferkeln kann nur ein Bruchteil unkastriert als Eber gemästet oder als Jungeber vermarktet werden. Ein kleiner Teil der Mastbetriebe signalisiert Interesse an der Anwendung der Impfung gegen Ebergeruch.
Das Ziel, die chirurgische Kastration bei Schweinen bis zum 1. Januar 2018 einzustellen, war bereits in der Europäischen Erklärung von 2010 formuliert worden. Die Realität hat jedoch gezeigt, wie schwierig dieser Weg ist. Derzeit werden rund 85% der männlichen Ferkel aus verschiedenen Gründen nur kastriert vermarktet. Angesichts des nahenden Verbots ist es unerlässlich, sich für ein Betäubungsverfahren zu entscheiden.
Im ersten Teil dieses Fachartikels werden die beiden Hauptalternativen zur betäubungslosen Kastration - die Ebermast und die Impfung gegen Ebergeruch - anhand von Praxisbeispielen vorgestellt. Um Betriebe bei der Auswahl der für sie am besten geeigneten Alternative zu unterstützen, fanden Anfang Juni zwei Webinare statt. Diese wurden von der FiBL Akademie in Bad Dürkheim in Zusammenarbeit mit der DLG im Auftrag des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft (BZL) durchgeführt.
Webinare und Alternativen zur Ferkelkastration
Moderator Dr. Christian Lambertz führte die rund 80 Teilnehmer durch die gut zweistündige Online-Veranstaltung, die speziell für Thüringen konzipiert war. Nach einer kurzen Zusammenfassung der bekannten Vor- und Nachteile der vier Verfahren - Ebermast, Impfung gegen Ebergeruch, Inhalations- und Injektionsnarkose - stellte der Agrarwissenschaftler fest, dass trotz der grundsätzlichen Akzeptanz aller vier Alternativen durch den Lebensmitteleinzelhandel und der Zulassung von drei Narkosegeräten für die Isoflurannarkose weiterhin mehrere Fragen offen sind.
Diese offenen Fragen betreffen:
- die Akzeptanz von Jungeberfleisch und Fleisch von geimpften Tieren,
- die Abgabe von Isofluran und die Durchführung der Narkose durch den Tierhalter,
- die Kommunikation innerhalb der Wertschöpfungskette,
- sowie die Aufklärung der Verbraucher.
Bisher ist es nicht gelungen, eine ausreichende Abstimmung zwischen Ferkelerzeugern und Schweinemästern sowie zwischen Schweinehaltern und Schlachtunternehmen zu erzielen, die den Zielen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) - 30 % Jungebermast und 20 % Immunokastration ab 2021 - auch nur annähernd entspricht. Trotz des langfristigen Ziels, auf die Kastration vollständig verzichten zu können, müssen sich Ferkelerzeuger darauf einstellen, ab dem kommenden Jahr weiterhin einen erheblichen Teil der Ferkel kastrieren zu müssen.

Praxisbeispiel Ebermast: Erfahrungen aus Heberndorf
Andre Telle, Vorstandsvorsitzender der Agrar e.G. Heberndorf, gehört zu den Vorreitern in der Ebermast. Nach dem Neubau seiner Sauenzuchtanlage mit 700 Sauen im Jahr 2009 verfügt er über zehnjährige Erfahrungen mit der Mast unkastrierter Mastschweine. Die Entscheidung für die Ebermast fiel kurz nach der Düsseldorfer Erklärung von 2008. Als vorteilhaft erwies sich der Verzicht auf das Kastrieren, was die Vermeidung von Kastrationswunden und eine Arbeitszeiteinsparung bedeutete. Auch tiergesundheitliche Aspekte sprachen dafür, und ein regionaler Schlachtbetrieb bot eine Kooperation zu vernünftigen Konditionen an.
Eine gründliche Vorbereitung auf die Ebermast im Hinblick auf Haltungsanforderungen, Management und Fütterung wurde durch intensive Zusammenarbeit mit den Landesanstalten geleistet. Die befürchteten Auswirkungen des ebertypischen Aufreitens und einer erhöhten Aggressivität blieben aus. Bei jährlich rund 20.000 gemästeten Mastschweinen schlugen sich diese Faktoren in nur etwa 0,5 % höheren Verlusten nieder.
Einen großen Anteil am Erfolg schreibt Andre Telle der Genetik zu. Seine Duroc-blütigen Masthybriden sind genügsam (2,6 kg Futter je kg Zuwachs), gut zu handhaben und erreichen tägliche Zunahmen von 979 g/Tag. Dies ermöglicht eine Vermarktung nach 94 Masttagen. Der Anteil geruchsauffälliger Schlachtkörper liegt im Mittel bei 5 % und wird derzeit noch nicht wirtschaftlich bestraft.
Eigenen Erhebungen zufolge übertrafen die Jungmasteber ihre kastrierten Zeitgenossen in den Tageszunahmen um 55 g, obwohl sie täglich 0,24 kg weniger Futter aufnahmen. Dies führte zu 2,5 % höheren Muskelfleischanteilen nach Sondenklassifizierung. Ein negativer Aspekt, der sich seit 2018 manifestiert, sind die Auszahlungspreise für Jungeber, die um 11 Cent je Kilogramm Schlachtgewicht unter denen der Kastraten lagen. Selbst höhere biologische Leistungen können diese Vermarktungsnachteile derzeit nicht ausgleichen. Das Unternehmen prüft nun betriebliche Anpassungsmaßnahmen, um durch den Wechsel der Endstufengenetik möglicherweise preisbedingte Abzüge zu minimieren. Die Frage, ob die Ebermast bei einem aktuellen Nachteil von 7,41 € gegenüber Kastraten (Tabelle) attraktiv bleibt, ist somit berechtigt.

Praxisbeispiel Impfung gegen Ebergeruch: Erfahrungen aus Kriebitzsch
Kerstin Fröhlich, Vorstandsvorsitzende der Kriebitzscher Agrargenossenschaft e.G., liebäugelt mit der Impfung gegen Ebergeruch. Ihre Genossenschaft betreibt eine modernisierte Mastanlage mit über 6000 Mastschweinen. Sie schätzt die Immunokastration als das tierverträglichste Verfahren ein und erwartet sowohl für ihr Unternehmen als auch für den Ferkelerzeuger tiergesundheitliche Vorteile.
Um eigene Erfahrungen zu sammeln, wurden im Februar auf zwei Terminen je 250 unkastrierte Eberläufer zeitgleich mit den üblichen Kastraten eingestallt. Begleitet durch die Firma Zoetis absolvierten die Mitarbeiter eine Online-Schulung mit anschließender Prüfung und erlernten den Umgang mit der Sicherheitsimpfpistole. Die erste Impfung erfolgte nach der Aufstallung durch einen Impftrupp des Herstellers, die zweite Impfung vier Wochen vor dem voraussichtlichen Schlachtbeginn wurde bereits vom Betriebspersonal durchgeführt.
Der Aufwand für die zweite Impfung, die ohne Komplikationen und mit vertretbarem Aufwand (0,5 Akh für 120 Tiere) erfolgte, war akzeptabel. Die Mitarbeiter wurden in die Erfolgskontrolle der Impfung eingewiesen und können nun schnell erkennen, ob eine Nachimpfung notwendig ist. Kerstin Fröhlich räumte ein, dass die Wahl des richtigen Zeitpunkts für die zweite Impfung Fingerspitzengefühl erfordert, insbesondere unter den Bedingungen einer ad libitum Fütterung mit Breifutterautomaten. Die empfohlenen Anpassungen der Futterkurven sind unter diesen Bedingungen und bei gleichzeitig im Stall befindlichen weiblichen Tieren nur begrenzt möglich.
Die geimpften Eber zeigten eine hohe Futteraufnahme und erzielten Zunahmen, mit denen der Betrieb nicht gerechnet hatte. Die biologischen Leistungen der Duroc-Mastschweine liegen im Mittel bei 944 g/Tag und 59,3 % MFA. Da die Schlachtung erst vier Wochen nach der Impfung erfolgt, erreichten die schnellwachsenden „Impfeber“ Schlachtgewichte nahe 100 kg. Dies verdeutlicht, dass das Mastmanagement eine Herausforderung darstellt, der man sich detailliert stellen muss, da „Impfeber“ eine neue Kategorie von Mastschweinen darstellen.
Trotz erheblicher finanzieller Nachteile, die durch Preismasken entstanden und zu Mindererlösen von durchschnittlich 14 Cent je Kilo Schlachtgewicht führten, schätzt Kerstin Fröhlich die Machbarkeit positiv ein: „Die Machbarkeit ist ok, wir bleiben dran“. Ein entscheidender Punkt sind die Verhandlungen mit dem Schlachthof. Die Mindererlöse, die sich betriebswirtschaftlich auf 10,84 € pro Tier summierten, resultieren neben anderen Klassifizierungen und Preismasken auch aus Abzügen von 3 Cent vom Basispreis. Hinzu kommen die Impfkosten von 3 € je Tier und der zusätzliche Arbeitsaufwand. Derzeit liegt der Vorteil somit primär beim Ferkelerzeuger, der die Kastration nicht mehr durchführen muss.
Dringend benötigt werden Marktsignale, die signalisieren, dass geimpfte Eber als Schlachttierkategorie willkommen sind und fair bezahlt werden. Nur so kann die Impfung von einer Nische zu nennenswerten Marktanteilen gelangen.

Hormonelle Regulation und Wachstumförderer in der Nutztierproduktion
Die Frage, wie ab dem 1. Januar 2021 kastriert werden soll, führt zu einer Auseinandersetzung mit hormonellen und wachstumsfördernden Mitteln. EU-weit ist die Verabreichung von Hormonen und wachstumsfördernden Mitteln in der Nutztierproduktion seit 1981 durch die Richtlinie 81/602/EWG verboten. Dies betrifft sowohl die Zucht und Mast als auch die Einfuhr von Tieren und Fleisch aus Drittländern.
Die im dänischen Überwachungsprogramm gefundenen Rückstände verbotener Hormone wurden als unbedeutend eingestuft. In der Schweinebranche gab es 2014 den bisher einzigen positiven Befund mit Rückständen von 17-beta-19-Nortestosteron, dessen Ursache jedoch nicht geklärt werden konnte.
In einer Reihe von Drittländern (u.a. USA, Kanada, Hongkong und südamerikanische Staaten) werden wachstumsfördernde Geschlechtshormone wie Testosteron, Progesteron und 17ß-Östradiol, Zeranol, Trenbolonacetat und Melengestrolacetat im großen Maßstab eingesetzt. Diese Hormone erhöhen primär die Futtereffizienz und werden beispielsweise durch implantierte Hormonkapseln verabreicht, die vor der Schlachtung entfernt werden.
Beta-Agonisten, die in der Humanmedizin zur Behandlung von Asthma eingesetzt werden, bewirken bei Tieren Muskelwachstum und eine verminderte Fettaufnahme in das Muskelgewebe. Diese wachstumsfördernde Wirkung wurde bei Rindern, Schafen, Schweinen und Geflügel beobachtet.
Reduzierung von Verhaltensproblemen durch fermentierte Kräuterextrakte
Das Problem des Schwanzbeißens beginnt nicht erst in der Mast. Nutztierwissenschaftler der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) haben in Kooperation mit dem oberösterreichischen Fleischverarbeiter Hütthaler, der Firma Multikraft sowie der Vetmeduni Vienna die Wirkung eines fermentierten Kräuterextrakts (FKE) auf die Tiergesundheit und das Verhalten von Aufzuchtferkeln und Mastschweinen untersucht. Die Fütterung mit FKE zeigte signifikante positive Effekte.
Die abgesetzten Ferkel wurden auf drei Betrieben in eine Versuchsgruppe mit und eine Kontrollgruppe ohne FKE-Fütterung aufgeteilt. Das Ergebnis war überraschend: Während durchschnittlich etwa 74 % der Mastschweine der Kontrollgruppe verkürzte Schwänze aufwiesen, waren in der FKE-Gruppe nur rund 5 % der Tiere von Gewebeverlust betroffen. Auch hinsichtlich Atemwegserkrankungen zeigte sich ein positiver Effekt der Kräuterfermente.
Die Studie legt nahe, dass die Optimierung der Haltungsbedingungen und Beschäftigungsmaterialien nicht die einzigen wirksamen Mittel zur Reduzierung des Risikos für Schwanzbeißen sind. Die Forscher vermuten einen Einfluss der Mikrobiom-Darm-Hirn-Achse auf das Verhalten und die Gesundheit von Schweinen, da der Darm als eine Art „riesengroßes Nervensystem“ mit dem Gehirn verbunden ist.

Kritik am Hormoneinsatz und Tierschutzaspekte
Naturschützer kritisieren häufig den Einsatz von Hormonen in der Ferkelzucht. Udo Pollmer widerspricht dieser Darstellung. Der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) hat im Vorfeld der Grünen Woche den Einsatz von Hormonen in Schweineställen kritisiert und auf mögliche negative Folgen für Tiere, Menschen und Umwelt hingewiesen. Insbesondere Steroidhormone werden als erbgutschädigend und krebserregend bezeichnet.
Es stimmt, dass Hormone bei der Ferkelproduktion an Sauen verabreicht werden, um die Ovulation zu synchronisieren. Dies dient dazu, die Ferkel zur gleichen Zeit zur Welt zu bringen, was die Integration von jungen Sauen in bestehende Herden erleichtert und die Synchronisation der Brunst für eine gleichzeitige Abferkelung ermöglicht. Durch die gleichzeitige Abferkelung kann am Ende der Säugeperiode der gesamte Stall gereinigt und desinfiziert werden, was die Zahl der Infekte senkt.
Das vom BUND kritisierte Ziel der Ferkelerzeuger, möglichst große und einheitliche Gruppen von Mastferkeln zu produzieren, ist eine wichtige Maßnahme zur Verringerung des Antibiotikaeinsatzes in der Mast. Ferkel aus Gruppenhaltung benötigen weniger Medikamente als Tiere, die aus unterschiedlichen Herkünften zusammengestellt werden müssen.
Die Sorge vor Krebsgefahr durch Steroidhormone wird relativiert: Die wichtigste Quelle von Steroidhormonen beim Menschen ist die Antibabypille. Die Dosis, die Frauen täglich mit der Pille einnehmen, übersteigt die Mengen, die im Ferkelstall verwendet werden, bei weitem. Die vom BUND beschworenen Umweltauswirkungen, wie die Geschlechtsumwandlung von Fischen in der Nähe von Kläranlagen durch Ethinylöstradiol aus der Pille, gelten nicht für Schweinegülle. Diese wird als Dünger auf Felder ausgebracht, wo die Rückstände im Boden gebunden und von der Bodenflora abgebaut werden.
Die Behauptung, „Hormonfreies Schweinefleisch nur mit Biosiegel“ zu erhalten, wird als doppelt falsch bezeichnet. Erstens produzieren alle Lebewesen körpereigene Hormone. Zweitens werden Mastschweinen prinzipiell keine Hormone verabreicht, unabhängig davon, ob sie biologisch oder konventionell gehalten werden.
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