Mütter sind im Profitennis selten. Tatjana Maria reist mit zwei kleinen Kindern und Ehemann um die Welt. Mit 34 Jahren und als zweifache Mutter hat sie im Jahr 2022 sensationell das Halbfinale in Wimbledon erreicht und kurz darauf das WTA-500-Turnier in London gewonnen. Sie ist die älteste Siegerin eines WTA-500er Turniers und kämpfte sich von der Qualifikation bis zu ihrem vierten Turniersieg. Tatjana Maria, 34, reist mit ihren Töchtern Charlotte (acht Jahre alt) und Cecilia (ein Jahr alt) um die Tenniswelt - und mit ihrem Mann Charles, der gleichzeitig ihr Trainer ist. Ein Gespräch über ein sehr besonderes Tennisleben und die Kraft der Familie auf Tour.

Ein besonderes Tennisleben
Tatjana Maria hat kurz nach der Geburt ihrer zweiten Tochter Cecilia im April 2021 ein beeindruckendes Comeback gefeiert. Ihr Sieg in Bogotá, ihrem zweiten WTA-Turnier, fand statt, als ihre Familie im Publikum saß. Sie beschreibt diese Zeit als unglaublich schön und hebt hervor, dass ihre älteste Tochter Charlotte alle ihre Matches verfolgt und sie anfeuert. Maria betont die Bedeutung ihres Erfolgs für den Tennissport im Allgemeinen: "Viele sehen nun, dass man auch mit Kindern weiterspielen und dabei erfolgreich sein kann. Vielleicht ermutigt es andere Kolleginnen ebenso, Kinder zu bekommen oder ihre Karriere wieder aufzunehmen, nachdem sie eine Familie gegründet haben."
Während des Turniers in Bogotá spielte Charlotte mit anderen Kindern Tennis und saß während der Matches von Tatjana Maria bei ihnen. Normalerweise schaut Tatjana Maria immer zu ihrem Mann, der auch ihr Trainer ist, und Charlotte sitzt bei ihm. Die Kinderbetreuung auf der Tour ist jedoch eine Herausforderung. Nur die Grand-Slam-Turniere bieten in der Regel eine Kinderbetreuung an, während der Corona-Zeit war jedoch selbst das nicht immer möglich. Die regulären Damentouren und auch größere Events wie Indian Wells oder die Miami Open bieten keine Betreuungsmöglichkeiten an.
Für die Unterstützung auf der Tour ist Maria oft auf ihre Familie angewiesen. Die Mutter ihres Mannes reist häufig mit und ist eine große Hilfe. Die letzten sechs Monate des Jahres 2021 verbrachte die Familie allein unterwegs, bevor die Oma in Australien dazustieß.
Herausforderungen und Forderungen an die WTA
Tatjana Maria kritisiert die mangelnde Unterstützung für Mütter auf der Tour. Sie verfügt zwar über ein Protected Ranking, das es ihr erlaubt, ihre Weltranglistenposition vor der Babypause für eine bestimmte Anzahl von Turnieren zu nutzen, fordert jedoch eine eigene Regelung für Schwangere. "Es ist mein Ziel, dass es in Zukunft eine eigene Regel gibt. Dass Schwangere quasi als verletzt gelten, ist absurd. Es ist nicht das Gleiche und es ist eine Benachteiligung gegenüber den Herren", erklärt sie. Bei den Frauen gilt das Protected Ranking im Gegensatz zu den Herren nur für zwei der vier Grand-Slam-Turniere. Maria hat die WTA aufgefordert, dies zu überdenken, stieß jedoch auf die Aussage, dass Topspielerinnen keine Änderung wünschten.
Maria versteht diese Argumentation nicht und glaubt nicht, dass es wirklich die Topspielerinnen sind, die sich dagegen aussprechen. Sie argumentiert, dass eine Änderung auch für sie vorteilhaft wäre, wenn sie ein Kind bekommen und zurückkehren möchten. Sie verweist auch darauf, dass große Stars wie Serena Williams ohnehin Wildcards erhalten, wenn sie nach einer Pause zurückkehren.
Die WTA hat ein Papier veröffentlicht, das Unterstützung für Spielerinnen vorsieht, aber Maria hat es noch nicht gelesen und ist skeptisch, wie die Organisation konkret helfen will. Sie betont, dass die Anfeindungen über Social Media trotzdem erfolgen und die WTA diese nicht einfach löschen kann. Das Verbot von Wetten sei ebenfalls schwierig, da einige Turniere von Wettanbietern gesponsert werden.
Eine Schwangerschaft wird von der WTA immer noch als Verletzung eingestuft, was die Rückkehr auf die Tour erschwert. Maria kritisiert dies scharf: "Ich verstehe nicht, dass die WTA mittlerweile keine Extra-Regel für Schwangere erstellt hat und wir die Regel für Verletzte nutzen müssen." Sie vergleicht dies mit dem Profifußball, wo die FIFA 2020 ein Regelwerk einführte, das Spielerinnen mindestens 14 Wochen Mutterschutz garantiert und Vertragskündigungen wegen Schwangerschaft für unzulässig erklärt.
Die Regelung, Schwangere als verletzt einzustufen, hat erschreckende Folgen: Nur jede zehnte Spitzensportlerin fühlt sich von ihrem Verein oder Verband unterstützt, wenn sie ein Kind bekommt und weiter am Wettbewerb teilnehmen möchte. Knapp zwei Prozent entscheiden sich für eine Abtreibung, um ihre Profikarriere nicht zu beeinträchtigen.
Die Herausforderungen für Mütter im Profisport enden nicht mit der Geburt. Fragen nach Kinderbetreuung bei Auswärtsturnieren, finanzielle Aspekte und die Notwendigkeit von Betreuungsmöglichkeiten durch Vereine bleiben bestehen. Maria fordert, dass Schwangerschaft und Familienplanung enttabuisiert und in Vereinen und Verbänden mehr Aufklärung stattfindet.
Nach der Sportkarriere – Herausforderungen im neuen Alltag | DOK | SRF
Die Familie als Rückhalt und Inspiration
Für Tatjana Maria ist die Familie der entscheidende Faktor für ihren Erfolg. Sie betont, dass sie ohne ihre Familie nicht mehr spielen würde. "Ich werde auch weiterspielen, weil ich sehe, wie sehr Charlotte sich freut. Sie liebt es, zu reisen", sagt sie. Sie trainiert regelmäßig mit ihrer achtjährigen Tochter Charlotte, die ebenfalls eine Leidenschaft für Tennis entwickelt hat und davon träumt, Profi zu werden. "Sie will es definitiv!", lacht Maria. Charlotte trainiert jeden Tag und spielt bereits sehr gut. Sie hat sogar einen Ausrüstungsvertrag von Nike erhalten.
Die Familie Maria reist als "Familienunternehmen" durch die Tenniswelt. Ihr Mann Charles ist nicht nur ihr Trainer, sondern auch eine wichtige Stütze. Er glaubt an sie und hilft ihr auf dem Platz, spielerisch und taktisch. Ohne ihn wäre ihr Erfolg nicht möglich.
Die Nähe zur Familie gibt Maria Kraft und Gelassenheit. Sie beschreibt, wie sie nach ihrem Sieg in Bogotá kurz feierten und dann direkt die Kinder badeten. "Alles ganz entspannt", sagt sie. Sie könnte sich das ständige Umherreisen mit den Kindern nicht mehr vorstellen, und das ständige Zusammensein ist für sie essenziell.
Die Tatsache, dass sie alle ihre vier Titel als Mutter gewonnen hat, sieht sie nicht als Zufall. "Familie war mir immer schon sehr, sehr wichtig. Seit ich meinen Mann kenne und wir eine Familie haben, gab es mir das Gefühl, dass Tennis mein Beruf ist und ich Tennis liebe, ich meine Familie aber im Hintergrund habe. Das ist für mich wichtiger als Tennis", erklärt sie. Erfolge kämen, wenn man sich auch außerhalb des Tennisplatzes wohlfühlt.
Der Slice als Markenzeichen und stetige Weiterentwicklung
Tatjana Marias Spielstil ist geprägt von ihrem Slice, den sie als ihr großes Trumpf bezeichnet. "Das ist definitiv mein Spiel-Stil, den ich auch behalten werde. So werde ich meine Karriere irgendwann beenden", sagt sie. Sie versucht jedoch, sich in ihrem Spiel weiterzuentwickeln, betont aber, dass es keine Tatjana Maria ohne Slice geben wird. Sie vergleicht die stetige Weiterentwicklung mit Top-Spielern, die ihren Aufschlag oder andere Schläge umstellen.
Ihr Slice von 2005, als sie 17 war, unterscheidet sich von dem heutigen. Sie glaubt, dass er jetzt aggressiver ist und sie immer sehr viel beidseitig Slice gespielt hat. Doch es sei immer eine Momentaufnahme.
Der Weg zur Spitze: Geduld und Durchhaltevermögen
Mit 37 Jahren feiert Tatjana Maria die größten Erfolge ihrer Karriere. Sie ist seit rund 20 Jahren auf der Tour, und ihre späten Titelgewinne erklärt sie damit, dass jeder einen anderen Weg geht. Ihren ersten Titel gewann sie mit 30, vier Jahre nach der Geburt von Charlotte. Sie möchte den Leuten zeigen, dass man seine Ziele auch erreichen kann, wenn man älter wird, solange man nicht aufgibt.
Nach einer Phase, in der sie neun Matches am Stück verlor, hat sie sich nicht mit einem Mental-Trainer aus der Ruhe bringen lassen. Sie ist jemand, der gut mit Niederlagen umgehen kann und sie nicht lange nachhängen. Sie glaubt, dass die Umstellung auf einen neuen Belag und der Beginn "von null" im Kopf dazu beigetragen haben. Sie verlässt sich dabei auf ihren Mann, der ihr auf dem Platz hilft.
Besondere Kindheit und Zukunftspläne
Charlotte erlebt eine sehr besondere Kindheit, geprägt von Reisen und dem Tennis. Sie will unbedingt Tennisprofi werden und trainiert jeden Tag. Ihre Mutter hofft, dass sie eines Tages gemeinsam auf der Tour Doppel spielen können. Dies ist ihr persönliches Ziel.
Die Familie Maria legt Wert auf ein ausgewogenes Familienleben. Obwohl sich oft alles um Tennis dreht, können sie auch abschalten und ein normales Familienleben führen, sich um ihre Töchter kümmern und die gemeinsame Zeit genießen.
Die Erfahrungen mit Hass-Attacken und Morddrohungen in den sozialen Netzwerken sind auch für Tatjana Maria präsent. Sie glaubt, dass jede Spielerin davon betroffen ist. Sie rät, dass die Jugend nicht zu früh mit Social Media in Kontakt kommt und betont, dass sie und ihr Mann Charlottes Instagram-Seite betreuen und sie noch kein eigenes Handy besitzt.
Trotz der Herausforderungen und der besonderen Umstände blickt Tatjana Maria optimistisch in die Zukunft. Sie fühlt sich fitter denn je und plant, weiterzuspielen. Sie ist sich bewusst, dass sie nach jeder Geburt besser gespielt hat und schließt nicht aus, dass sie vielleicht noch ein drittes Kind bekommen und dann wieder zurückkommen könnte.
Sie blickt gelassener auf ihre Profikarriere. Ihre Töchter stehen an erster Stelle, und das gibt ihr persönlich sehr viel. Sie ist sich sicher, dass sie irgendwann als Trainerin ihrer Tochter fungieren wird, wenn diese ihre eigene Karriere startet.

Frühere Karriere und Rückkehr nach der Geburt
Vor ihrer Heirat hieß die Spielerin Tatjana Malek. Sie erreichte einige Male das Viertelfinale eines WTA-Turniers und gewann Partien für das deutsche Fed-Cup-Team. Der große Durchbruch bei einem Grand-Slam-Turnier blieb ihr jedoch verwehrt. Im Jahr 2008 erlitt sie beim Turnier in Indian Wells eine Lungenembolie infolge einer Thrombose und schwebte in Lebensgefahr. Wenige Wochen später verstarb ihr Vater. Mitten in ihrer Karriere stellte sie mithilfe ihres Trainers und Mannes Charles ihre Rückhand-Technik von beidhändig auf einhändig um, was als eines der schwierigsten Manöver im Tennis gilt.
Nach der Geburt ihrer Tochter Charlotte im Dezember 2013 kehrte Maria nur vier Monate später auf den Tennisplatz zurück. Sie feilte an ihrer Rückhand, übte Aufschlag und machte Krafttraining. Nur vier Monate nach der Geburt spielte sie ihr erstes ITF-Turnier, und im Juli gewann sie einen Challenger-Titel, gefolgt von drei weiteren. Bei den Australian Open im Januar 2014 hatte sie einen erneuten Auftritt auf der WTA-Tour, nachdem sie sich durch die Qualifikation gekämpft hatte. Tochter Charlotte schlief währenddessen auf der Tribüne im Kinderwagen.
Ihr Ehemann Charles Edouard Maria zog mit ihr nach Florida, und im April 2013 heirateten die beiden. Wenige Wochen später trat sie noch einmal in Wimbledon an, verlor jedoch in der ersten Runde im vierten Monat schwanger.
Die Leistungen von erfolgreichen Müttern wie Tatjana Maria, Kim Clijsters und Lindsay Davenport sind beachtlich, da das Leben auf der Tennistour auch ohne Kind anstrengend ist. Bei Maria sind bei Turnieren oft nicht nur ihr Mann, sondern auch die Schwiegereltern dabei.
Tatjana Maria beschreibt ihre Rückkehr nach der Babypause als vergleichsweise unkompliziert. Die Geburt verlief gut, und sie pausierte weniger als ein Jahr. Finanziell war die Pause kein großes Problem, da sie anfangs kleine Turniere spielte, mit denen junge Spielerinnen beginnen. Ihre Weltranglistenplatzierung war nicht gänzlich verloren, da sie kein komplettes Jahr pausiert hatte. Rückkehrende Spielerinnen haben die Möglichkeit, bei acht Turnieren ihrer Wahl gemäß ihrer Platzierung vor der Pause anzutreten.
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