Sheila Heti: Mutterschaft – Eine tiefgründige Auseinandersetzung mit der Entscheidung für oder gegen ein Kind

Die Frage nach der Mutterschaft ist eine der bedeutendsten im Leben einer Frau, und doch wird sie oft mit einer Selbstverständlichkeit behandelt, die die Komplexität und die tiefgreifenden persönlichen Entscheidungen dahinter verkennt. Sheila Heti widmet sich in ihrem Roman "Mutterschaft" genau dieser Thematik und bricht mit gängigen Vorstellungen. Anstatt des erwarteten "schicksalhaften Kinderwunsches" und des "Signals" oder "Rufs", ein Kind zu bekommen, thematisiert die Erzählerin in Hetis Werk ein tiefes Fremdgefühl gegenüber der plötzlichen Wandlung ihrer Freundinnen zur Mutter. Diese Erfahrung, die sie wie ein Leben in einem "fremden Universum" beschreibt, hebt sich deutlich von der gängigen Logik ab, die die Mutterschaft als natürliche und unausweichliche Entwicklung nach der Kindheit und Pubertät betrachtet.

Bücher über Mutterschaft sind zahlreich, doch das Hinterfragen oder gar Ablehnen dieser Rolle ist nach wie vor eine Provokation. Die Gesellschaft scheint eine Frau, die sich nicht mit Kindern beschäftigt, als "bedrohlich" wahrzunehmen, verbunden mit der Frage: "Was wird sie stattdessen machen? Was für einen Ärger?" Die kanadische Autorin Sheila Heti, Anfang 40 und kinderlos, greift in "Mutterschaft" erneut autobiografische Elemente auf, ähnlich wie in ihrem Debüt "Wie sollten wir sein?". Ihre Literatur wird weltweit gefeiert und sie gilt als eine der wichtigsten Stimmen ihrer Generation. Die internationale Resonanz auf "Mutterschaft" war enorm, selbst vor dem Erscheinen der Übersetzungen, was die große Sehnsucht nach weiblichen Leitfiguren, insbesondere seit der #MeToo-Bewegung, unterstreicht.

Die Mutterschaft als Krisenerfahrung und das Dilemma junger Frauen

Während die Möglichkeiten, Eltern zu werden, heute vielfältiger erscheinen denn je, haben in den letzten Jahren zahlreiche Beiträge die Mutterschaft als eine elementare Krisenerfahrung beleuchtet. Werke wie Orna Donaths "Regretting Motherhood" oder Antonia Baums "Stillleben" thematisieren diese Aspekte. Das Muttersein, einst von Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken als "Berufung der Frau zur Mutter" bezeichnet, ist längst kein unangefochtenes Ideal mehr. An seine Stelle ist jedoch kein neues, für die breite Masse funktionierendes Ideal getreten. Viele Frauen wünschen sich Arbeit, Kreativität und Kinder - eine Kombination, die nur wenigen vergönnt zu sein scheint. Die Erzählerin in Hetis Roman fragt sich, ob dieser Wunsch nach allem nicht "gierig" ist. Ihr Freund Miles vertritt die Ansicht, dass man entweder als Künstler oder als Elternteil großartig sein könne, aber nicht beides gleichzeitig.

Diese Herausforderung, intellektuelle Unabhängigkeit mit der liebevollen Hingabe an ein Kind zu vereinen, ist immens. Virginia Woolf betonte bereits, dass schreibende Frauen ein "Zimmer für sich allein" bräuchten. Der seelische Schock beim Verlassen der Geburtsklinik und das Gefühl elementarer Verwundbarkeit können Frauen aus der Bahn werfen und sie vorübergehend blind für die Welt machen. Sheila Hetis Erzählerin lehnt diese Vorstellung für sich ab, fühlt sich schuldig und abnormal und ringt mit der Angst, ihre Entscheidung gegen ein Kind "in alle Ewigkeit" zu "bereuen". Dies stellt das große Dilemma junger Frauen dar: Sollen sie sich trotz aller Vorbehalte für ein Kind entscheiden, bevor es zu spät ist?

Ein empirisches Experiment und die Auseinandersetzung mit der eigenen Mutter

Die Suche nach Antworten wird in Hetis Roman wie ein empirisches Experiment angelegt. Die Protagonistin orientiert sich dabei an der Arbeitstradition ihrer Mutter, einer "verbissen schuftenden, depressiven Pathologin", an der sie sich abarbeitet. Die Auseinandersetzung mit der Mutterschaft ist untrennbar mit der Beziehung zur eigenen Mutter verbunden. Bis zu ihrem 40. Geburtstag, zu Beginn des Romans ist die Erzählerin 37, sucht sie nach Gewissheit. Sie plant Gespräche mit Freunden, die bereits Kinder haben, und unterzieht sich einer ständigen Selbstbefragung, analysiert ihre Träume und Wünsche. Diese strukturierte Methodik bewahrt den Roman davor, gefühlig oder klischeehaft zu werden, und hält ihn stets intellektuell.

Die Erzählerin stellt bei ihren Begegnungen fest: "Mütter fühlen sich wie Verbrecherinnen, Kinderlose auch". Dieses Gefühl scheint das große Dilemma junger Frauen zu sein, die ihre Rolle in der Gesellschaft seit #MeToo so intensiv hinterfragen wie zuletzt in den 1970er Jahren. Autorinnen, die sich mit Feminismus beschäftigen, wie Margarete Stokowski, erfahren eine breite Anerkennung.

Darstellung einer Frau, die zwischen verschiedenen Lebenswegen und Entscheidungen steht, symbolisiert durch sich verzweigende Pfade.

Der Dornenwald der Ansprüche und die Suche nach Alternativen

In vielen Sequenzen beschreibt Heti den unterschwelligen Konflikt zwischen Müttern und Nicht-Müttern, aber auch die Auswirkungen von Hormonen und Stimmungsschwankungen, die bei einigen Frauen zur Einnahme von Antidepressiva führen. "Mutterschaft" porträtiert das heutige Frausein als ein Schlachtfeld, ähnlich dem Mannsein. Frauen in ihren Dreißigern, die "endlich ein bisschen was im Kopf haben", kämpfen sich bei Heti durch einen "Dornenwald voller Ansprüche, Wünsche und eben immer noch sehr vielen Einschränkungen".

Die Entscheidung, kinderlos zu bleiben, muss keine reine Defiziterfahrung sein. Sheila Heti positioniert sich mit ihrem provokanten Buch als eine starke Stimme für all jene, die sich bewusst gegen die Elternschaft entscheiden. Die von ihr aufzeigenden Ausschließungsmechanismen mögen nicht immer gutgeheißen werden, doch sie sind Facetten moderner Weiblichkeit. Die Erzählerin ersetzt das nie geborene Kind durch ihr Schreiben und ihr literarisches Werk. In einem Akt der Selbstermächtigung stellt sie ihrem literarischen Werk das "Weinen der Mutter" entgegen und erzählt die Geschichten der Frauen in ihrem Leben. Eine Frau ohne Kinder hat nichts verloren, meint sie, da sie es nicht anders kennt. Vielmehr hat sie etwas gewonnen: Am Ende ihres Entscheidungsprozesses stellt sie fest: "Du fängst dein Leben nochmal von vorne an, diesmal mit dir selbst."

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Mutter und die jüdische Identität

Ein zentraler Aspekt des Romans ist die tiefe Verbindung zur eigenen Mutter und die Rolle der jüdischen Identität. Die Erzählerin, die mit ihrer Mutter, einer Pathologin, hadert, erkennt, dass die Auseinandersetzung mit der Mutterschaft unweigerlich die Betrachtung der eigenen Mutterlinie einschließt. "All diese Frauen, die das füreinander getan haben. Diese Familienreihe an Frauen, die man selbst dann beendet." Besonders prägnant wird dies im Kontext der jüdischen Herkunft, wo das Fortleben der Religion durch Nachkommen eine besondere Bedeutung hat. Die Großmutter hat den Holocaust überlebt, und die Enkelin, die sich gegen Kinder entscheidet, beendet diese Familienreihe. Dieser Aspekt verleiht der Entscheidung gegen ein Kind zusätzliches Gewicht.

Sheila Heti nähert sich in ihrem autofiktionalen Erzählstil ihrer Protagonistin sehr an. Sie teilen sich Beruf, Wohnort, Lebensstil und Alter. Heti nutzt diese Nähe, um eine Wirklichkeit zu schaffen, die es bisher so nicht gab. Die Protagonistin bedient sich dabei ungewöhnlicher Entscheidungshilfen wie chinesischer Münzen oder Tarotkarten, um ihre tiefen Zweifel und Ängste zu navigieren. Diese Methoden lassen die Hoffnung auf eine allgemeingültige Antwort absurd erscheinen, unterstreichen aber die Intensität der Suche nach Klarheit.

Eine Collage aus Tarotkarten, Münzen und einem Blick in einen Spiegel, der eine zweifelnde Frau zeigt.

Mutterschaft versus Kunst: Eine alternative Lebensgestaltung

Eine zentrale Frage des Romans ist, ob sich Mutterschaft und Kunst ausschließen. Kann die Rolle der Schriftstellerin eine gleichberechtigte Alternative zur Mutterrolle sein und als solche anerkannt werden? Heti thematisiert, wie Männer, die keine Kinder haben, oft als "davongekommen" gelten, während eine Frau, die sich dem Kinderkriegen entzieht, als "nichts zu tun im Leben" wahrgenommen wird. Mutterschaft wird als erfüllend angesehen, muss aber nicht die einzige Quelle der Erfüllung sein. Die Entscheidung, sie anzunehmen oder sich bewusst davon zu distanzieren, liegt bei jeder Frau selbst.

Frauen, die bewusst und gewollt keine Kinder (haben) wollen, sind keine "unnormalen", herzlosen Mängelwesen. Sie haben eine bewusste und gut überlegte Entscheidung getroffen. Der Roman ermutigt dazu, diese Entscheidungen zu respektieren und zu hinterfragen, was Mutterschaft und Nicht-Mutterschaft in der westlichen Welt heute bedeuten können und wie sie gesellschaftlich besetzt sind.

Die Provokation des "Nein" und die Suche nach persönlicher Erfüllung

Hetis literarischer Ansatz, das Nicht-Interesse ihrer weiblichen Figur an einem eigenen Kind zu thematisieren, ist literaturgeschichtlich als revolutionär zu bezeichnen. Sie lässt keine heroische Frau zu Wort kommen, sondern eine zutiefst ambivalente, die sich immer wieder fragt: "Ist mein Nein okay? Und wenn ja, warum fällt es dann so schwer?" Diese Auseinandersetzung deckt neue, wichtige Fragen auf und sezieren tief verborgene Gedankenströme. Der Roman ist ein Plädoyer für die Anerkennung verschiedener Lebensentwürfe und die Freiheit, eigene Wege zu finden.

Die Erzählerin setzt ihr Schreiben und ihr literarisches Werk an die Stelle des nie geborenen Kindes. Dem "Weinen der Mutter" stellt sie in einem Akt der Selbstermächtigung ihr literarisches Werk entgegen, die Geschichte der Frauen in ihrem Leben. Am Ende ihres Entscheidungsprozesses stellt sie fest: "Du fängst dein Leben nochmal von vorne an, diesmal mit dir selbst."

Adultismus: Wenn Vertrauen fehlt, wird Sprechen schwer

Sheila Heti: Mutterschaft. Roman. Übersetzt von Thomas Überhoff. Rowohlt-Verlag. 320 Seiten, 22 Euro.

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