Spinale Muskelatrophie (SMA) bei Neugeborenen: Ursachen, Symptome und Behandlung

Was ist Spinale Muskelatrophie (SMA)?

Die Spinale Muskelatrophie (SMA) ist eine schwere, seltene neuromuskuläre Erkrankung, die häufig bereits im Säuglings- oder Kindesalter auftritt. In Deutschland ist etwa eins von 7.000 Neugeborenen betroffen. Früher galt die Diagnose SMA für viele schwerstbetroffene Säuglinge und Kinder als todesurteil. Heute haben auch diese Kinder eine Chance, sich nahezu normal zu entwickeln.

Ohne Behandlung kommt es unweigerlich zu einem Verlust von Motoneuronen im Rückenmark und im unteren Hirnstamm, was eine zunehmende Muskelschwäche sowie einen Muskelschwund zur Folge hat. Menschen mit SMA können von Lähmungen und einer lebensbedrohlichen Beeinträchtigung der Atem- und Schluckmuskulatur betroffen sein.

Schema der Nervenverbindung zwischen Gehirn, Rückenmark und Muskeln, mit Hervorhebung der Motoneuronen.

Ursachen der Spinale Muskelatrophie

Die Spinale Muskelatrophie ist eine genetische Erkrankung. Ein Defekt auf dem sogenannten SMN-1-Gen führt dazu, dass bestimmte Proteine, sogenannte "Survival of Motor"-Neuronen, nicht gebildet werden. Diese Proteine sind für die Muskelkraft verantwortlich.

Bei Menschen mit SMA sind deshalb sämtliche Muskeln des Körpers betroffen. Muskeln, die dem Rumpf am nächsten sind, wie Schulter-, Hüft- und Rückenmuskulatur, sind in der Regel am schwersten betroffen. Die Schwäche in den Beinen ist zudem meist größer als in den Armen. Auch Kau- und Schluckmuskulatur können betroffen sein. Die Beteiligung der Atemmuskulatur, die für die Aufnahme von Sauerstoff und das Abhusten zuständig ist, kann zu einer erhöhten Anfälligkeit für Lungenentzündungen und zu anderen Problemen mit der Lunge führen.

Formen und Symptome der SMA

Die Symptome und der Verlauf der SMA variieren je nach Schweregrad der Erkrankung:

SMA Typ 1 (akute infantile SMA, Werdnig-Hoffmann-Krankheit)

  • Erste Anzeichen treten bei Babys noch vor dem sechsten Lebensmonat auf.
  • In manchen Fällen bemerkt die Mutter bereits in den letzten Schwangerschaftsmonaten eine Abnahme der Kindesbewegungen im Mutterleib.
  • Die Krankheit zeigt sich in dieser schweren Form durch eine ausgeprägte Bewegungsunfähigkeit.
  • Auch das Atmen und Schlucken fällt den Babys oft sehr schwer.
  • Bei Säuglingen mit der schwersten SMA-Form machen sich erste Symptome bereits unmittelbar nach der Geburt oder in den ersten Lebenswochen bemerkbar.

SMA Typ 2 (chronisch infantile oder intermediäre SMA)

  • Kinder erreichen in der Regel im Alter von etwa sieben bis 18 Monaten den motorischen Meilenstein „Sitzen ohne Hilfsmittel“.
  • Die motorische Entwicklung ist dennoch stark beeinträchtigt und verzögert.
  • Die Kinder können zwar ohne Hilfe sitzen, brauchen jedoch oft Unterstützung, um in die Sitzposition zu kommen.
  • Sie werden nie ohne Hilfsmittel stehen können oder laufen lernen.
  • Bei Kindern mit dieser Erkrankung entwickelt sich während des Wachstums nahezu immer eine Skoliose (Verkrümmung der Wirbelsäule).

SMA Typ 3 (Kugelberg-Welander-Form)

  • Menschen mit SMA Typ 3 sind zumindest zeitweise in ihrem Leben gehfähig.
  • Mit Fortschreiten der SMA können sie diese Fähigkeit jedoch wieder verlieren.
  • Die Muskelschwäche ist bei SMA Typ 3 in den Beinen häufig ausgeprägter als in den Armen.
  • SMA Typ 3 tritt in der Regel nach dem 18. Lebensmonat auf.

SMA Typ 4

  • Die ersten Symptome zeigen sich üblicherweise erst nach dem 35. Lebensjahr.
  • Die Betroffenen haben in der Regel eine normale Lebenserwartung.
Grafische Darstellung der verschiedenen SMA-Typen mit Angabe des Alters für den Symptombeginn und der jeweiligen motorischen Fähigkeiten.

Diagnose und Neugeborenenscreening

Bis vor wenigen Jahren war eine ursächliche Behandlung der SMA medizinisch nicht möglich. Ein entscheidender Fortschritt war die Aufnahme der SMA in das Neugeborenen-Screening. Seit Oktober 2021 werden Babys in den ersten drei Tagen nach der Geburt mit Zustimmung der Eltern auf SMA getestet. Dabei werden in der Regel aus der Ferse einige Tropfen Blut entnommen, die auf verschiedenste Krankheiten hin untersucht werden.

Dieser frühe Test ermöglicht eine schnelle Diagnose und den frühzeitigen Beginn einer Therapie. "Seit SMA Teil des Neugeborenenscreenings ist, können alle SMA-Betroffenen frühzeitig diagnostiziert und behandelt werden. SMA hat sich so von einer nicht behandelbaren zu einer frühzeitig diagnostizierbaren und therapierbaren Krankheit entwickelt", erklärt Björn Schmid.

Therapiemöglichkeiten bei SMA

Die Forschung und Entwicklung von Medikamenten für seltene Erkrankungen wie SMA sind mit großen Investitionen und Risiken verbunden. Dennoch gibt es mittlerweile mehrere Behandlungsansätze:

Nusinersen (Spinraza®)

  • Das erste Medikament mit dem Namen Spinraza kam 2017 auf den Markt.
  • Es wirkt, indem es den Körper dabei unterstützt, mehr von dem SMN-Protein zu bilden, an dem bei Menschen mit SMA ein Mangel besteht.
  • Somit reduziert sich der Verlust von Nervenzellen und die Muskelstärke kann verbessert werden.
  • Die Gabe des Medikaments erfolgt über eine Injektion in den unteren Rücken (Lumbalpunktion) und muss aller vier Monate wiederholt werden.

Zolgensma®

  • Dieses Medikament wurde zur Behandlung der schwersten Form der angeborenen Muskelatrophie entwickelt.
  • Bei dieser bisher einzigen ursächlichen Gentherapie wird über eine Infusion eine funktionsfähige Kopie des fehlerhaften Gens in die Nervenzelle eingebracht.
  • Ziel ist, dass das SMN-Protein wieder selbstständig vom Körper produziert werden kann.
  • Zolgensma® wird im Gegensatz zu den anderen zugelassenen Medikamenten nur einmalig angewendet.
  • Die Verabreichung erfolgt von Spezialisten in einer entsprechenden Klinik.

Risdiplam (Evrysdi®)

  • Diese Medikation wird täglich oral verabreicht.
  • Sie ist für Kinder ab dem 2. Lebensmonat bis ins Erwachsenenalter zugelassen.

Alle Therapien sind hochpreisig und unterscheiden sich in der Gabe des Wirkstoffs und vom Wirkmechanismus. Die Einführung neuer Therapien hat die Prognose für SMA-Patienten erheblich verbessert und gibt ihnen die Chance, motorische Fähigkeiten zu entwickeln und ein nahezu normales Leben zu führen.

Spinale Muskelatrophie: Hoffnung auf Heilung

Die Rolle von Biogen bei der SMA-Therapie

Biogen hat sich intensiv mit der komplexen Erkrankung SMA auseinandergesetzt. Das Unternehmen begleitete die Einführung eines ersten Medikaments gegen SMA in Deutschland. Dr. Björn Schmid, Medical Lead Rare Diseases bei Biogen in Deutschland, berichtet über die Herausforderungen und Erfolge:

"Für die kleinsten Patientinnen und Patienten war die Diagnose SMA damals ein Todesurteil", berichtet Björn Schmid. "So eine Nachricht war für Eltern verheerend. Sie mussten über eine palliative Behandlung entscheiden, Beatmung: ja oder nein?"

Biogen forschte viele Jahre an der Erkrankung. Die Einführung eines Medikaments erforderte die Erkundung und das Verständnis der gesamten Therapielandschaft. Während der Zulassungsstudien stand Biogen vor der Herausforderung, die Einschlusskriterien strikt anzuwenden, um zuverlässige Ergebnisse zu erhalten und Risiken zu minimieren. Dies war auch für das Biogen-Team eine schwierige Situation, da sie eine Therapie entwickelt hatten, die womöglich helfen könnte, aber nicht alle Kinder in die Studien einschließen konnten.

In solchen Fällen können Härtefallprogramme den Zugang zu Medikamenten schon vor der Zulassung ermöglichen, wenn Patientinnen und Patienten schwer erkrankt sind und keine therapeutische Alternative zur Verfügung steht. Im Falle der SMA konnten Ärztinnen und Ärzte Kinder mit Behandlungsbedarf so schon vor der Zulassung des Medikaments behandeln.

Björn Schmid betont, was für diesen Fortschritt notwendig war: "Mut, ein fester Glaube an die Therapie und Pioniergeist. Das sind Dinge, die wir bei Biogen leben. Wahren Mut zeigen für mich aber die Betroffenen und Angehörigen, die mit der schweren Diagnose SMA konfrontiert werden und ihr Leben dennoch in die Hand nehmen."

Häufige Atemwegsinfektionen bei Säuglingen: Das RS-Virus (RSV)

Neben der SMA ist es wichtig, auch andere häufige Erkrankungen bei Neugeborenen und Säuglingen zu betrachten, wie zum Beispiel das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV). Dieses Virus ist weltweit verbreitet und verursacht akute Atemwegsinfektionen, die von Erkältungssymptomen bis hin zur Lungenentzündung reichen können.

Übertragung und Inkubationszeit von RSV

RSV wird hauptsächlich über Tröpfcheninfektion übertragen. Beim Niesen, Husten oder Sprechen gelangen Krankheitserreger über Speichel-Tröpfchen in die Luft und werden über die Schleimhäute aufgenommen. Auch eine Übertragung über Hände und kontaminierte Oberflächen ist möglich.

Die Inkubationszeit beträgt in der Regel zwei bis acht Tage, durchschnittlich fünf Tage. Infizierte Personen können das Virus schon einen Tag nach der Ansteckung und vor Symptombeginn weitergeben und sind meist drei bis acht Tage ansteckend.

Symptome einer RSV-Infektion

Bei gesunden Erwachsenen und älteren Kindern verläuft eine RSV-Infektion meist wie eine leichte Erkältung. Bei Kleinkindern und Säuglingen, insbesondere bei Frühchen, können die Symptome jedoch heftig sein:

  • Anfangsphase (ähnlich Erkältung): Schnupfen, trockener Husten, Halsschmerzen, Appetitlosigkeit, gelegentlich Fieber.
  • Fortgeschrittene Phase (Beteiligung der unteren Atemwege): Stärkerer Husten, Schleimbildung, Atemnot, pfeifende Atemgeräusche, Atemaussetzer.
  • Schwere Verläufe: Lungenentzündung, deutlicher Krankheitszustand, Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme, beschleunigte Atmung, Einziehen der Haut zwischen den Rippen, bläuliche Verfärbung von Haut und Lippen (Hinweis auf Sauerstoffmangel).

Bei Säuglingen sind insbesondere die kleinsten Atemwege (Bronchiolen) betroffen, was zu Atempausen führen kann.

Illustration, die die Übertragung von RSV-Viren durch Husten und Niesen zeigt.

Besonders gefährdete Gruppen bei RSV

Ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben:

  • Frühgeborene, Neugeborene und Säuglinge, besonders in den ersten sechs Lebensmonaten.
  • Kinder mit schweren chronischen Vorerkrankungen der Lunge, des Herzens oder des Nerven- und Muskelsystems.
  • Kinder mit Immunschwäche (Immundefizienz), syndromalen Erkrankungen wie Down-Syndrom oder angeborenen Fehlbildungen.
  • Ältere Menschen ab dem Alter von 75 Jahren (oder ab 60 Jahren bei Vorerkrankungen oder in Pflegeeinrichtungen).
  • Personen mit schweren chronischen Vorerkrankungen (Herz, Lunge, Niere, Nervensystem, Diabetes mellitus, Bluterkrankungen, Immunschwäche).

RSV-Infektionen sind in deutschen Krankenhäusern der häufigste Grund für eine stationäre Behandlung von Säuglingen und Neugeborenen.

Prävention und Behandlung von RSV

Ein hundertprozentiger Schutz vor RS-Viren ist nicht möglich, aber Hygienemaßnahmen können das Risiko minimieren:

  • Regelmäßiges und sorgfältiges Händewaschen.
  • Beim Niesen und Husten Mund und Nase mit einem Taschentuch oder der Armbeuge bedecken.
  • Vermeiden, Augen, Nase und Mund mit ungewaschenen Händen zu berühren.
  • Gründliche Reinigung von häufig benutzten Gegenständen.
  • Vermeidung von engem Kontakt zu Erkrankten, insbesondere für Säuglinge und Risikopersonen.
  • Rauchverzicht in der Nähe von Kindern.

Medizinische Maßnahmen gegen RSV

Die Behandlung einer akuten RSV-Infektion konzentriert sich auf die Symptome:

  • Ruhe und ausreichend Flüssigkeit zur Lockerung des Schleims.
  • Spezielle Nasentropfen oder physiologische Kochsalzlösungen für Säuglinge zur Freihaltung der Atemwege.
  • Bei Verschlechterung ist eine Krankenhausbehandlung mit Sauerstoffgabe und Flüssigkeitszufuhr notwendig.
  • Intensivmedizinische Überwachung oder atemunterstützende Behandlung kann erforderlich sein.

RSV-Prophylaxe und Impfung

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt:

  • RSV-Prophylaxe für alle Säuglinge: Eine passive Immunisierung mit dem monoklonalen Antikörper Nirsevimab (Beyfortus®) wird für alle Säuglinge empfohlen, die zwischen April und März geboren werden. Die Gabe erfolgt vor der ersten RSV-Saison und schützt in der Regel für die gesamte Saison.
  • RSV-Impfung für ältere Menschen: Eine einmalige RSV-Impfung wird für alle Personen ab 75 Jahren empfohlen. Für Personen ab 60 Jahren mit schwerer Vorerkrankung oder in Pflegeeinrichtungen wird die Impfung ebenfalls empfohlen.
  • Impfung für Schwangere: Es gibt Impfstoffe, mit denen die Mutter Antikörperschutz an das werdende Kind weitergeben kann. Eine STIKO-Empfehlung hierfür liegt derzeit noch nicht vor.

Es gibt keine aktive Impfung gegen RSV, sondern eine passive Immunisierung, bei der der Körper Antikörper verabreicht bekommt und somit sofort geschützt ist.

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