Erotische Laktation: Eine umfassende Betrachtung des Stillens erwachsener Partner

Einführung in die erotische Laktation

Erotische Laktation, auch bekannt als erotic lactation, bezeichnet das Stillen eines erwachsenen Partners oder eine Relaktation, die primär aus erotischen Gründen erfolgt. Je nach Art und Ausrichtung der erotischen Beziehung können auch andere, insbesondere englische Begriffe Verwendung finden. Die umgangssprachlichen Bezeichnungen Milch-Fetischismus und Laktophilie sind keine wissenschaftlichen Fachbegriffe und entsprechen nicht den Regeln der Wortbildung für Paraphilien im medizinisch-diagnostischen Kontext. Für das Vorliegen einer Paraphilie im Sinne des ICD-10 und DSM-IV ist ein Leidensdruck aus der sexuellen Neigung entscheidend.

Der Milchfluss kann gezielt und unabhängig von einer Schwangerschaft oder der Reproduktionsfähigkeit hervorgerufen werden. Dies wird als induzierte Laktation bezeichnet. Wenn eine Frau den Milchfluss nach einer Stillpause wieder in Gang bringt, spricht man von Relaktation.

Schema zur Induzierten Laktation und Relaktation

Methoden zur Induktion und Aufrechterhaltung der Laktation

Die Induktion der Laktation kann durch regelmäßiges, mehrmaliges tägliches Saugen an den Brustwarzen erfolgen. Alternativ oder ergänzend können auch Pumpen, Massieren und „Ausmelken“ angewendet werden. Oftmals wird zeitweise ein unterstützendes Medikament eingenommen, wobei Domperidon als bekanntester Dopaminantagonist gilt.

Ein laktogener Effekt von pflanzlichen Mitteln konnte klinisch nicht nachgewiesen werden, obwohl zahlreiche Mittel traditionell als „milchfördernd“ empfohlen werden.

Statistische Erhebungen und Studien zur erotischen Laktation

Eine im März 2005 von The Sunday Times veröffentlichte Studie mit 1690 britischen Männern ergab, dass 25 bis 33 Prozent der Paare den Fall kannten, bei dem der Mann die Muttermilch seiner stillenden Frau getrunken hat. Die meisten taten dies mehrfach und gaben als Grund ein echtes emotionales Bedürfnis an, nicht nur Neugier. Ein ausführlicher wissenschaftlicher Bericht wurde 2007 von Roland Schöbl veröffentlicht.

Eine im Oktober 2007 in Deutschland durchgeführte Untersuchung zum Stillen des erwachsenen Partners zeigte, dass von 8500 befragten Personen etwa 70 Prozent der Männer, knapp 60 Prozent der heterosexuellen Frauen und fast 80 Prozent der Lesben angaben, gerne die Milch des Partners trinken zu wollen oder ihn trinken zu lassen. Nahezu keine weiteren Berichte oder Untersuchungen über das Stillen von Erwachsenen aus erotischen Gründen existieren.

Im Jahr 2014 meldeten mehrere große Zeitungen, dass die Google-Suchanfrage "mein Mann möchte, dass ich ihn stille" populärer war als "mein Mann möchte sich trennen" und "mein Mann möchte ein Baby" zusammen. In den Jahren 2018/2019 wurde in westafrikanischen Ländern wie Uganda und Tansania vermehrt darüber berichtet, dass Ehemänner angeblich ihren Kindern die Brustmilch wegtrinken würden, was von der Gesundheitsministerin Sarah Opendi zum politischen Thema gemacht wurde.

Infografik mit Studienergebnissen zur erotischen Laktation

Empfindungen und Motivationen beim Stillen

Empfindungen beim Stillen eines Kindes, ob sexueller oder asexuell-angenehmer Art, fallen normalerweise nicht unter den Begriff erotische Laktation, solange nicht gezielt zum eigenen Lustgewinn gestillt wird. Je nach Studie geben zwischen 25 und 40 Prozent der Frauen an, durch das Stillen eines Kindes schon einmal sexuell erregt worden zu sein. Ob solche Gefühle erlebt werden, hängt von vielen Faktoren ab, insbesondere auch von kulturellen Normvorstellungen.

Varianten und Kontexte der erotischen Laktation

Milchspiele und Adult Nursing Relationship (ANR)

  • Milchspiele: Jede Art sexueller Aktivitäten, die die Milch der Frau mit einbeziehen.
  • Adult Nursing Relationship (ANR): Bezeichnet das Saugen der Milch aus der Brust als Ausdruck starker Intimität und gemeinsamer Zärtlichkeit, wobei die Beziehung der beiden Partner gleichrangig ist (z. B. kein Infantilismus). ANRs beruhen auf einer stabilen Langzeitbeziehung, da es sonst kaum möglich ist, den Milchfluss aufrechtzuerhalten. Das Stillen hat oft einen stark bindenden und stabilisierenden Einfluss auf die Partnerschaft. Die Frau kann beim Stillen einen Orgasmus erleben oder einen angenehmen Milchspendereflex, dies ist jedoch nicht immer der Fall und nicht das primäre Ziel.

Weitere Praktiken und Rollenspiele

  • Pumpen: Frauen pumpen ihre Milch aus sinnlichen Gründen ab oder streichen sie aus, unabhängig davon, ob sie einen Partner haben. Viele Frauen geben an, sich als stillende Frauen sehr weiblich zu fühlen.
  • Infantilismus/Ageplay: Der Partner nimmt in einem Rollenspiel die Rolle eines Babys ein, das von der stillenden Frau gepflegt und gestillt wird.
  • Stillen als Belohnung oder Ersatz: Das Stillen eines submissiven (BDSM) Partners kann als Belohnung für seine Unterordnung dienen oder als Surrogat für nicht erlaubte sexuelle Handlungen.
  • Melken: Das „Melken“ (auch „forced lactation“) der submissiven Frau oder die Anweisung an sie, Milch für ihren dominanten Partner zu geben. Diese Variante ist auch als Petplay möglich.

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Historische und kulturelle Bezüge

Daoistische Sexualpraktiken

Vor der Entstehung des Konfuzianismus wurden im chinesischen Daoismus verschiedene alchemistische Sexualpraktiken gelehrt. Diese Praktiken sahen im Geschlechtsakt die Möglichkeit, durch „Energieaustausch“ oder einseitigen „Energie-Konsum“ des Mannes Stärkung, ein hohes Alter oder sogar Unsterblichkeit zu erlangen. Um sein Yang zu stärken, sollte der Mann während des Liebesspiels Yin-Essenzen aus den Brüsten und der Vagina der Frau trinken und aufnehmen. Wenn ein Energieaustausch das Ziel war, sollte der Mann seine Energie durch seinen Samen zurückgeben. Meist stand jedoch die einseitige Anhäufung von Energie durch den Mann im Vordergrund. Der daoistische Adept musste eine Ejakulation vermeiden, um sein gesamtes Qì („Lebensenergie“) zu bewahren. Die Energie, die aus den Brüsten gesaugt wurde, hatte Namen wie „Korallenessenz“, „Weißer Schnee“ oder „Saft des Apfels der Unsterblichkeit“.

Lactatio-Legenden im Mittelalter und der Renaissance

Im Mittelalter tauchten Berichte von Visionen auf, in denen die Jungfrau Maria einem Heiligen die Brust zum Trinken reicht. Ein bekanntes Beispiel ist die Lactatio des Heiligen Bernhard von Clairvaux. Zahlreiche bildliche Darstellungen entstanden hierzu. Weitere Heilige, die von solchen Visionen berichteten, waren Bischof Fulbert von Chartres, Alanus de Rupe und Domingo de Guzmán. Auch Frauen wie Adelheid von Frauenberg und Mechthild von Magdeburg beschäftigten sich mit diesem Thema oder hatten eigene Lactatio-Visionen.

Umgekehrt gab es Legenden von Frauen, die selbst in religiösem Kontext Milch gaben. So wurde von Catharina von Genua berichtet, dass sie ein irdisches Lamm küsste, es an ihren Brüsten saugen ließ und Milch von sich gab. Elena Duglioli soll ebenfalls Milch gegeben haben, unter anderem dem päpstlichen Nuntius, um dessen sexuelle Lust zu stillen. Margareta Ebner berichtete, Milch bekommen zu haben, nachdem eine kleine Jesus-Statue sie gebeten hatte, ihn zu säugen.

Die Legenden reichen von sachlichen Beschreibungen bis zu erotisch gefärbten Gesängen. Adelheid von Frauenberg schrieb von der Jungfrau Maria: „wil din Begird erfüllen und wil dich trenken mit der Milch, mit der ich min hailig trut Kind sogt, - und gab mir ir rainen zarten Brust in minen Mund; und do mir dise unsaglich Süssikait enzogen ward, do ward min Jamer also grofs das ich do also fast ward wainen.“ Alan de Rouche schrieb über sich: „Dann küsste sie ihn und reichte ihm die jungfräulichen Brüste, aus denen er gierig trank, so dass er durch alle Glieder sich erstarken und in die Himmel erhoben fühlte.“

Die sogenannten Lactatio-Legenden wurden in zahlreichen frommen Texten mit mehr oder weniger erotischer Konnotation verarbeitet. Ein Kalenderspruch aus dem 19. Jahrhundert bezieht sich vermutlich auf Fulbert von Chartres: „Zu Neuene war ein krancker Priester / der bettet täglich neben den Horis Canonicis / auch Mariae siben Tagzeiten / eyferig. Er war vono Arzten für todt auffgeben / und verlassen / und sihe / die glorwürdige Himmelkönigin stehet bey dem Beth / sprützet ihm in den Mund / O honigsüsse Milch / auß ihre Jungfräulichen Brüsten: stehe auff / sagt sie / spalliere mit den Chorherren / und vergisse niemalen meiner Tagzeiten die Tag deines Lebens.“ Noch Anfang des 20. Jahrhunderts verarbeitete Karl Vollmoeller mehrere Lactatio-Legenden, vordergründig fromm, aber hintergründig eindeutig erotisch, in seinem Buch Sieben Wunder der heiligen Jungfrau Maria.

Mittelalterliche Darstellung der Lactatio des Heiligen Bernhard von Clairvaux

Rechtliche und kulturelle Aspekte

Caritas Romana und islamisches Recht

Seit dem 16. Jahrhundert findet sich in zahlreichen Werken der Bildenden Kunst das Motiv der Caritas Romana, das auf eine römische Sage zurückgeht, in der eine Tochter ein Elternteil durch Stillen vor dem Verhungern rettete.

Im islamischen Rechtsverständnis kann durch Stillen ein Verwandtschaftsverhältnis entstehen. Fast alle modernen Rechtsschulen gehen davon aus, dass dies nur für Kinder bis zu einem Alter von zwei Jahren gilt, wobei außerdem eine Reihe weiterer Bedingungen erfüllt sein müssen. Im traditionellen Volksglauben und bei einigen Außenseitern der großen Rechtsschulen existiert aber auch die Vorstellung, dass das Trinken von Frauenmilch durch einen (erwachsenen) Mann zu einem Heiratsverbot mit der betreffenden Frau führe.

Verhütung und sexuelle Praktiken im frühen 20. Jahrhundert

Um 1903 veröffentlichte Carl Buttenstedt ein Buch unter dem Titel „Die Glücksehe - Die Offenbarung im Weibe, eine Naturstudie“. In diesem Buch beschrieb Buttenstedt eine Verhütungsmethode, bei der der Mann täglich die Milch aus der Brust seiner Frau trinken solle, um das Aussetzen der Regel zu bewirken. Eine Reihe von Autoren bescheinigten Buttenstedt eine nicht geringe Anhängerschaft, und der Inhalt der Leserbriefe zu Buttenstedts Buch zeigt, dass die Leser weit eher an der Verhütung und am Vergnügen des Stillens interessiert waren als an dem Theoriegebäude, das Buttenstedt um seine Glücksehe konstruiert hatte. Buttenstedts Glücksehe wurde als Skurrilität kurzzeitig recht bekannt, und es gab in der Folge auch mindestens drei Autoren, die Nachfolgebücher veröffentlichten.

Moderne Darstellungen in Literatur und Film

  • 1994: „Die Titte und der Mond“ (Spanien). Der zehnjährige Tete wünscht sich von seiner Mutter gestillt zu werden.
  • 2013: „Mother’s Milk“ (USA). Die junge Kim (Mackenzie Wiglesworth) wird entführt, weil sie fälschlicherweise für eine stillende Mutter gehalten wird.
Kinoplakat des Films

Schriften und Veröffentlichungen

  • Carl Buttenstedt: Die Glücks-Ehe, die Offenbarung im Weibe, eine Naturstudie. 6., verbesserte Auflage. Reform Verlag, Berlin-Schöneberg 1910.
  • Roland Schöbl: Erotische Laktation: das Stillen des erwachsenen Partners und Milchbildung aus erotischen Gründen.
  • Jutta Sperling: Roman Charity: Queer Lactations in Early Modern Visual Culture. transcript Verlag, Bielefeld 2016 / Columbia University Press, New York, 2016.
  • Leo Talberg: Perideis. Berlin 2016. Der Roman schafft eine ganze Welt um die Idee herum, dass Männer nicht überleben können und degenerieren, wenn sie nicht regelmäßig Frauenmilch erhalten. Das Thema wird mit erotischem Unterton satirisch verarbeitet.
  • Karl Vollmoeller: Acht Mirakel der heiligen Jungfrau Maria. Bearbeitete Sammlung mittelalterlicher Geschichten. Berlin 1928 (Erstausgabe als Privatdruck).

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