Das Referendum am 25. Mai markierte einen entscheidenden Wendepunkt in der irischen Geschichte, als die Bürger über die Lockerung des strengen Abtreibungsverbots abstimmten. Die Zugfahrt von Dublin nach Waterford, einer Stadt, die für ihr Kristallglas berühmt ist, dauert etwa zwei Stunden. Hier lebt Claire Cullen-Delsol mit ihrer Familie. Im Jahr 2015 erfuhr die damals 33-Jährige während der Schwangerschaft mit ihrem dritten Kind von einem schweren Chromosomen-Defekt, der die Überlebenschancen des ungeborenen Kindes außerhalb des Mutterleibs drastisch reduzierte. Die Diagnose offenbarte multiple gesundheitliche Probleme, darunter Herz-, Nieren- und Gehirnanomalien, das Fehlen eines Magens und knöcherne Defizite im Gesicht. Nach dem ersten Schock bat Claire darum, die Schwangerschaft zu beenden, doch die irische Verfassung untersagte dies, da der Eingriff rechtlich als Abtreibung galt. Nur die unmittelbare Lebensgefahr für die Mutter hätte eine Ausnahme erlaubt.

Claire musste darauf warten, dass das Herz ihrer Tochter Alex aufhörte zu schlagen. Fünf lange Wochen zog sich dieses Leiden hin, bis Alex schließlich tot geboren wurde. Die Erfahrung, dass ihr eigener Wille in dieser extremen Situation nicht zählte und sie lediglich als "Körper" für die Schwangerschaft fungierte, prägte Claire tief. Dieses Gefühl, dass sie als schwangere Frau kein Recht auf Selbstbestimmung über ihren Körper habe, außer dem Recht auf Leben, empfindet sie bis heute als zutiefst unmenschlich.
Erschüttert und empört über das Abtreibungsrecht Irlands, wurde Claire zur Aktivistin und kämpfte für eine Verfassungsänderung. Fast drei Jahre nach ihrem traumatischen Erlebnis stimmten die Iren über die Zulässigkeit von Abtreibungen ab.
Die Geschichte des Abtreibungsverbots in Irland
Der achte Verfassungszusatz von 1983
Die Wurzeln des strengen Abtreibungsverbots liegen im Jahr 1983, als Irland durch ein Referendum den achten Verfassungszusatz einführte. Stark beeinflusst von der katholischen Kirche, stimmten mehr als zwei Drittel der Bürger für den Schutz des ungeborenen Lebens, gleichberechtigt mit dem Leben der werdenden Mutter. Abtreibungen wurden damit tabuisiert, und sowohl die Durchführung als auch die Beihilfe dazu konnten mit bis zu 14 Jahren Haft bestraft werden.
Prägende Fälle und Ausnahmen
Ein international beachteter Fall ereignete sich 1992, als ein 13-jähriges Mädchen nach einer Vergewaltigung schwanger wurde. Der irische Generalstaatsanwalt versuchte zunächst, ihr die Ausreise nach Großbritannien zur Abtreibung zu verbieten, doch der Oberste Gerichtshof entschied zugunsten des Mädchens. Später wurde gesetzlich klargestellt, dass Irisinnen im Ausland abtreiben dürfen und ein Abbruch in Irland selbst erlaubt ist, wenn die Schwangere suizidgefährdet ist. Offiziell werden in Irland jährlich nur etwa zwei Dutzend Abtreibungen durchgeführt. Schätzungen zufolge nehmen jedoch etwa 1.000 Frauen jährlich die Abtreibungspille illegal ein, und rund 5.000 Frauen reisen jedes Jahr nach Großbritannien, was Gesamtkosten von fast 1.000 Euro verursacht.
Irland stimmt über Lockerung der Abtreibungsgesetze ab
Die Debatte vor dem Referendum
Argumente der Befürworter der Lockerung
Die Kampagne "Together for Yes" setzte sich für die Abschaffung des achten Verfassungszusatzes ein. Befürworter argumentierten, dass Frauen das Recht auf Selbstbestimmung über ihren Körper haben sollten. Die Kabarettistin Tara Flynn, die selbst eine Abtreibung in den Niederlanden hatte, betonte die Notwendigkeit, Frauen wie ihr eine Stimme zu geben und ihnen Empathie entgegenzubringen. Die Studentin Joanne war überzeugt, dass Frauen die Wahl haben sollten und dass die "No"-Seite nur das Baby, nicht aber die Frau berücksichtige.
Argumente der Gegner der Lockerung
Die "No"-Kampagne, angeführt von Organisationen wie "REPEAL THE 8th KILLS", betonte den Schutz des ungeborenen Lebens. Tim Jackson und sein Team reisten mit einem Bus durch das Land, um auf die Gefahren einer Gesetzesänderung hinzuweisen. Andrew Heasman vertrat die Ansicht, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben vom Mutterleib bis zum Grab habe. Katie Fenton lehnte Abtreibungen grundsätzlich ab und sah auch in Fällen von Vergewaltigung oder nicht lebensfähigen Föten keine Rechtfertigung für einen Abbruch.

Die Rolle der katholischen Kirche
Die katholische Kirche Irlands hielt sich während der Kampagne auffallend zurück. Michael Kelly, Chefredakteur des "Irish Catholic", erklärte, dass die Kirche ihre beschädigte moralische Autorität, insbesondere nach dem Missbrauchsskandal, nicht weiter gefährden wolle. Strategisch habe man sich entschieden, sich aus der öffentlichen Debatte herauszuhalten, da eine stärkere Beteiligung kontraproduktiv wäre.
Bürgerinitiativen und persönliche Geschichten
Das Projekt "Everyday Stories" brachte Menschen durch das Erzählen persönlicher Erfahrungen zusammen, um eine respektvolle Diskussion zu fördern. Mary McDermott, die Organisatorin, hob hervor, dass die teils anonymen Geschichten Betroffener als Ausgangspunkt für einen Dialog dienen sollten, der nicht von Extremen geprägt ist. Die Kabarettistin Tara Flynn erzählte ihre eigene Geschichte, um Frauen in ähnlichen Situationen eine Stimme zu geben.
Der Journalist Patsy McGarry erinnerte an die Misshandlungen, die unverheiratete schwangere Frauen in Heimen der Kirche erlitten hatten. Trotz der Skandale und des historischen Referendums zur Homo-Ehe, bei dem die Bürger die Empfehlung der Kirche ignorierten, war die Frage nach dem Einfluss der Kirche auf die heutige Entscheidungsfindung der Iren offen.
Der Weg zur Abstimmung und die Ergebnisse
Stimmungsbild vor dem Referendum
Anfang des Jahres führten die Befürworter einer Verfassungsänderung deutlich in den Umfragen. Doch die Gegner holten auf, insbesondere außerhalb Dublins und bei der älteren Generation. In Waterford äußerten sich ältere Bürger wie der 80-jährige Frank und das Ehepaar John und Maria kritisch zur Lockerung des Abtreibungsverbots. Sie betonten den Wert des Lebens und lehnten die Idee ab, ein Verbrechen durch ein anderes zu sühnen.

Internationale Vergleiche und Perspektiven
Die Debatte zog auch Vergleiche mit anderen Ländern nach sich. Während einige auf die hohen Abtreibungszahlen in Großbritannien verwiesen, argumentierten andere, dass die Schweiz, mit stabilen oder gesunkenen Zahlen, ein besserer Vergleich sei. Die Organisation "Doctors for Choice" engagierte sich für eine Reform des strikten Abtreibungsrechts.
Die Rolle des Bürgerrats
Das Konzept des Bürgerrats, wie es in Irland praktiziert wurde, zeigte eine Möglichkeit, Bürger repräsentativ in politische Entscheidungsprozesse einzubinden. Der irische "Citizens' Assembly" hatte bereits erfolgreich zu Themen wie Abtreibung beraten und Empfehlungen an das Parlament weitergegeben. Dies deutete darauf hin, dass Politiker aufgrund lokaler Wählerinteressen möglicherweise zögerten, progressivere Gesetze zu initiieren, während ein Bürgerrat eine solche Entwicklung fördern konnte.
Das Ergebnis und seine Folgen
Das Referendum sah eine klare Mehrheit für die Abschaffung des achten Verfassungszusatzes. Die Regierung plante daraufhin, ein Gesetz einzubringen, das Abtreibungen in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen ohne Angabe von Gründen erlaubt. Spätere Abbrüche sollten nur noch in Ausnahmefällen und nach Begründung möglich sein. Die Zustimmung des Parlaments zu diesem Gesetz war jedoch nicht sicher, da die größte Oppositionspartei tief gespalten war.
Hintergründe und rechtliche Entwicklungen
Das britische Erbe und die "McGee"-Entscheidung
Das Abtreibungsrecht in Irland basierte ursprünglich auf britischem Recht aus dem Jahr 1861. Erst mit dem Fall "McGee gegen die Staatsanwaltschaft" in den 1970er Jahren wurde die Debatte um das Abtreibungsverbot öffentlich geführt. Die katholische Kirche vertrat vehement die Position, dass Abtreibung Mord sei.
Die Entwicklung des Abtreibungsrechts
Nach der Einführung des achten Verfassungszusatzes 1983 wurden schrittweise Lockerungen vorgenommen. Seit 1992 dürfen sich Irisinnen im Ausland informieren und abtreiben. In Irland selbst sind Abtreibungen seit 2013 nur legal, wenn sechs Ärzte die Lebensgefahr für die Mutter bestätigen. Abtreibungen nach Vergewaltigung, Inzest oder bei schwerwiegenden Fötopathologien blieben weiterhin verboten.
Fälle von Anenzephalie und Lebensgefahr
Fälle wie der einer Frau mit Anenzephalie, bei der eine Abtreibung in Irland nicht möglich war, obwohl das Kind keine Überlebenschancen hatte, verdeutlichten die Härte des Gesetzes. Auch der Tod einer schwangeren Frau an einer Blutvergiftung im Jahr 2012, der sie hätte gerettet werden können, wenn eine Abtreibung erlaubt gewesen wäre, löste landesweiten Schock aus und zwang die Politik zum Handeln.

Amnesty International und der Kampf für reproduktive Rechte
Die Haltung von Amnesty International
Amnesty International setzt sich weltweit für reproduktive Rechte ein und kritisiert strikte Abtreibungsverbote als Verstoß gegen internationale Menschenrechtsnormen. Die Organisation betont, dass das internationale Recht Abtreibungen zulässt, wenn Gesundheit oder Leben einer Frau gefährdet sind, oder bei Schwangerschaften infolge von Vergewaltigung. Frauen, die Opfer sexueller Gewalt wurden, dürften nicht zu weiteren Traumata gezwungen werden.
Berichte und Aussagen von Betroffenen
Amnesty International hat Berichte von Frauen gesammelt, die gezwungen waren, für eine Abtreibung ins Ausland zu reisen. Diese Frauen fühlen sich stigmatisiert und nicht gehört. Der Satz "Irland hat uns im Stich gelassen" wurde wiederholt geäußert. Die Kampagne zum Schwangerschaftsabbruch in Irland ist Teil der weltweiten Amnesty-Kampagne "My Body, My Rights".
Nordirland: Ein separater Weg in der Abtreibungsfrage
Die Situation in Nordirland
Nordirland, obwohl Teil des Vereinigten Königreichs, hatte lange Zeit eines der strengsten Abtreibungsgesetze Europas. Die britische Regierung hat die nordirische Regionalregierung zur Einrichtung eines kostenlosen und umfassenden Dienstes für Schwangerschaftsabbrüche angehalten. Trotz der Legalisierung sind sich viele Frauen und Mediziner unsicher über die genauen Bestimmungen, und nicht einmal die Hälfte der nordirischen Frauen weiß, dass Abtreibungen legal sind.

Herausforderungen und zugänglicher Service
Obwohl es legal ist, sich über Abtreibungen zu informieren und diese in Nordirland bis zur 12. Schwangerschaftswoche durchführen zu lassen, wird es voraussichtlich noch einige Zeit dauern, bis der Service vollständig zugänglich ist. Die Gesellschaft zum Schutz ungeborener Kinder hat Klage gegen die Abtreibungsverordnung eingereicht, was die fortlaufenden rechtlichen Auseinandersetzungen verdeutlicht.
Persönliche Erfahrungen und die Bedeutung der Wahlfreiheit
Die Geschichte von Megan
Megan, eine 23-jährige Irin, bestellte Abtreibungspillen aus den Niederlanden und nahm sie illegal ein. Sie entschied sich zu lügen und gegenüber ihrer Mutter, ihrem Arzt und ihren Freunden von einer Fehlgeburt zu sprechen, um Stigmatisierung und mögliche rechtliche Konsequenzen zu vermeiden. Sie bereut ihre Entscheidung nicht, betont aber, dass Frauen, die abtreiben, stigmatisiert werden.
Die "Abortion Pills Bus"-Kampagne
Die Organisation ROSA (For Reproductive rights, against Oppression, Sexism & Austerity) fuhr 2015 mit einem "Abortion Pills Bus" durch Irland, um Frauen über Abtreibungspillen aufzuklären. Aktivistinnen wie Rita Harrold argumentieren, dass Frauen selbst über ihren Körper entscheiden sollten und dass die Pillen sicher seien. Sie betonen auch das ökonomische Problem, dass sich viele Frauen den teuren "Tagestrip" nach England nicht leisten können.
Sexualerziehung und die Rolle der Schulen
Die Sexualerziehung in Irland, auch bekannt als RSE (Relationships and Sexuality Education), ist verpflichtend, doch die Inhalte und verwendeten Materialien obliegen den Schulen. In einigen Fällen, wie bei Megan, wurde die Sexualerziehung von Priestern abgehalten, und das Thema Abtreibung wurde kaum oder gar nicht behandelt. Dies führt zu mangelnder Aufklärung und beeinflusst die Entscheidungen junger Menschen.
Internationale Initiativen und die Zukunft der Abtreibungsrechte
"Women on Waves" und juristische Schlupflöcher
Die niederländische Ärztin und Aktivistin Rebecca Gomperts ermöglicht mit ihrer NGO "Women on Waves" Frauen in internationalen Gewässern legale Schwangerschaftsabbrüche. Sie nutzt auch juristische Schlupflöcher, wie den Versand von Medikamenten per Post nach Nordirland, wo medizinische Postsendungen erlaubt sind. Gomperts betont, dass strenge Abtreibungsverbote keine Abtreibungen verhindern, sondern soziale Ungerechtigkeit erzeugen.

Der Einfluss auf andere Länder
Gomperts' Aktionen haben in Ländern wie Portugal und Spanien zu Gesetzesänderungen geführt. Sie sieht jedoch auch einen gegenläufigen Trend in Ländern wie Polen und Ungarn, wo Abtreibungsgesetze verschärft werden. Selbst in Deutschland und den Niederlanden müssen Frauen oft Hürden überwinden, um eine sichere Abtreibung vorzunehmen.
Brid Smith und der Kampf für Selbstbestimmung
Brid Smith, eine langjährige Aktivistin für das Recht auf freie Entscheidung, äußerte nach dem Sieg im Referendum tiefe Genugtuung. Sie betonte, dass die rechte Fundamentalisten, die die Debatte zu lange dominiert hatten, nun in die Schranken gewiesen wurden. Sie hebt die Bedeutung des Sieges in ländlichen Gebieten hervor und glaubt, dass die Frage der Wahlfreiheit nahezu jede Familie persönlich betraf.
Smith analysierte die "No"-Kampagne als geschmacklos, aber clever, indem sie auf Emotionen und Unwissenheit abzielte. Sie kritisierte die Heuchelei, dass die Sorge um das "ungeborene Leben" aufhöre, sobald es um lebende Kinder gehe, und verwies auf die Missstände in den Magdalena Mutter- und Babyheimen. Sie stellte fest, dass Politiker wie Leo Varadkar und Simon Harris, die sich zuvor als Lebensschützer bezeichneten, von der Bewegung getrieben wurden, anstatt sie anzuführen.
Sie betonte die Wichtigkeit der Kampagne "Together for Yes", die auf Zuwendung und Mitgefühl basierte, aber auch die Forderung nach Selbstbestimmung in den Vordergrund stellte. Smith kritisierte die mediale Darstellung, die oft die Linke zugunsten von Mainstream-Politikern ausschloss, und hob die herausragende Rolle von Aktivistinnen und Aktivisten von "People before Profit" hervor, die die Hauptlast der Kampagne trugen.
Mit Blick auf die Zukunft erwartet Smith weitere Versuche, die notwendigen Gesetze zu verhindern und einzuschränken. Sie betont die Notwendigkeit, Netzwerke aufrechtzuerhalten und sich für weitere Mobilisierungen vorzubereiten, um die Wahlmöglichkeit für Frauen zu realisieren und für das positive Recht auf Wohnung, Gesundheit und Bildung zu kämpfen.
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