Das Wildschwein: Ein umfassender Überblick über Biologie, Verbreitung und Verhalten

Das Wildschwein (Sus scrofa), in der Jägersprache auch Schwarzwild oder umgangssprachlich Schwarzkittel genannt, ist ein Paarhufer aus der Familie der Echten Schweine und gilt als Stammform des Hausschweins. Ursprünglich erstreckte sich sein Verbreitungsgebiet von Westeuropa bis nach Südostasien. Wildschweine sind Allesfresser und zeichnen sich durch eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit aus.

Namensgebung und Terminologie

Der Begriff "Schweine" für die Säugetierfamilie ist altgermanischen Ursprungs. Männliche erwachsene Tiere werden als (Wild-)Eber oder Keiler bezeichnet, weibliche als (Wild-)Sauen oder Bachen. Jungtiere, die noch von der Muttermilch abhängig sind, heißen Frischlinge. Ältere Jungtiere im zweiten Lebensjahr werden als Überläufer bezeichnet.

Besonders in der weidmännischen Sprache haben sich spezifische Begriffe etabliert. Die Bezeichnung "Keiler" leitet sich von den mächtigen Eckzähnen, den Hauern, ab. Die Bezeichnung "Bache" für das weibliche Tier ist seit dem 16. Jahrhundert belegt und bezog sich ursprünglich auf den Rücken eines Tieres oder die Speckseite.

Die Wortstämme für "Eber" und "Sau" sind germanischen Ursprungs und finden sich in ähnlicher Form auch in anderen indogermanischen Sprachen, was auf einen vorgermanischen Ursprung hindeutet. Die Bezeichnung "Sau" könnte auf ein lautmalerisches Grunzen oder auf die Gebärfähigkeit der Tiere zurückgehen. Der Begriff "Ferkel" ist eine Verkleinerungsform.

Körperliche Merkmale

Das Wildschwein besitzt einen von der Seite betrachtet gedrungenen und massiven Körperbau, der durch vergleichsweise kurze Beine noch verstärkt wird. Der Kopf wirkt im Verhältnis zum Körper fast überdimensioniert und verläuft nach vorne keilförmig. Die Augen sind hoch am Kopf angesetzt und schräg nach vorne gerichtet. Die Ohren sind klein und von einem Rand zottiger Borsten umgeben. Der kurze, wenig bewegliche Hals geht im Winterfell direkt in den Rumpf über, was das Tier gedrungener erscheinen lässt. Die Körperhöhe nimmt zu den Hinterbeinen hin ab. Der bewegliche Schwanz dient zur Signalgebung der Stimmung durch Pendelbewegungen oder Anheben.

Das kräftige Gebiss zählt 44 Zähne: jeweils drei Schneidezähne, ein Eckzahn, vier Prämolaren und drei Molaren pro Kieferhälfte. Die oberen und unteren Eckzähne des Keilers krümmen sich aufwärts und können eine Länge von bis zu 30 cm erreichen, wobei üblicherweise nicht mehr als 10 cm aus dem Kiefer ragen. Bei Bachen treten diese Zähne nur in geringem Umfang bei älteren Tieren auf.

Schema des Gebisses eines Wildschweins mit Beschriftung der Zahnarten.

Fell und Fellwechsel

Das Fell des Wildschweins besteht aus zwei Schichten: langen, borstigen Deckhaaren und kurzen, feinen Wollhaaren. Im Winter ist das Fell dunkelgrau bis braun-schwarz und dient der Wärmeregulation, indem es die Körperwärme speichert. Die glatten Deckhaare schützen die Haut vor Verletzungen im Gestrüpp. Im Frühjahr erfolgt der Fellwechsel zum kürzeren, wollhaarfreien Sommerfell mit helleren Haarspitzen, wodurch die Tiere schlanker wirken.

Der Fellwechsel beginnt in Mitteleuropa im April bis Mai und dauert etwa drei Monate. Vorjährige Tiere wechseln bereits Ende Juli/Anfang August zum Winterfell, während ausgewachsene Tiere erst im September beginnen. Die Fellfärbung variiert regional erheblich: von hell sandfarben in der Balchaschsee-Region bis zu rötlichbraunen, helleren oder tiefschwarzen Tieren in Belarus. Gelegentlich treten auch gefleckte Individuen auf, die rezessiv vererbt werden.

Jungtiere und ihre Färbung

Neugeborene Wildschweine, die Frischlinge, haben ein mittelbraunes Fell mit vier bis fünf gelblichen Längsstreifen, die von den Schulterblättern bis zu den Hinterbeinen reichen. Diese Streifen sind individuell einzigartig und ermöglichen eine eindeutige Identifizierung. Das Jungtierfell ist weicher und schützt weniger gut vor Feuchtigkeit, was bei feuchtem Wetter zu hoher Sterblichkeit führen kann. Dieses Fell wird etwa drei bis vier Monate getragen, bevor die Tiere ein einfarbig bräunliches Jugendfell entwickeln, das gröber ist als das Jungtierfell, aber weicher als das Fell ausgewachsener Tiere.

Detailaufnahme von Frischlingen mit ihren charakteristischen Längsstreifen.

Größe und Gewicht

Gewicht und Größe von Wildschweinen variieren je nach geographischer Verbreitung und Jahreszeit. Generell nehmen Körpermasse und Körpergröße von Südwesten nach Nordosten zu. Voll ausgewachsen sind Wildschweine ab ihrem fünften Lebensjahr. In Mitteleuropa erreichen Bachen eine Kopf-Rumpf-Länge von 130 bis 170 cm und Keiler von 140 bis 180 cm. Das maximale Lebendgewicht liegt bei etwa 150 kg für Bachen und 200 kg für Keiler. In östlichen Regionen Russlands wurden Keiler mit über 300 kg Körpergewicht dokumentiert.

Verbreitung und Lebensraum

Das Wildschwein ist ein in ganz Eurasien sowie in Japan und Teilen der südasiatischen Inselwelt verbreitetes Wildtier, das in etwa 20 Unterarten vorkommt. Sein Verbreitungsareal hat sich im Laufe der Jahrtausende mehrfach verändert, beeinflusst durch Kalt- und Wärmeperioden sowie menschliche Eingriffe wie Landwirtschaft und Jagd.

Ursprünglich erstreckte sich die Verbreitung von den Britischen Inseln und Südskandinavien im Westen über Mittel- und Südeuropa, Vorder- und Zentralasien, Nordafrika, Vorder- und Hinterindien bis nach Ostsibirien, Japan und Vietnam im Osten. Heute gilt das Wildschwein in Nordafrika als selten, und einige Unterarten gelten als ausgestorben.

Karte der ursprünglichen und heutigen Verbreitung des Wildschweins in Eurasien.

Die ursprüngliche Nordgrenze der Verbreitung verlief von 60° N im Nordwesten über Nowgorod und Moskau bis zum südlichen Ural (52° N) und weiter nach Osten bis zum Irtysch (56° N). In trockenen Wüsten, Hochgebirgen und im Tibetischen Hochland fehlt das Wildschwein naturgemäß. In den letzten Jahrhunderten hat sich die Verbreitung vor allem durch menschliche Aktivitäten verändert. Die Ausdehnung der Landwirtschaft und die damit einhergehende Bejagung führten zum Aussterben der Art in einigen Regionen.

Seit dem 20. Jahrhundert haben sich Wildschweine in vielen Teilen ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets wieder ausgebreitet. Insbesondere in Osteuropa ist eine deutliche Arealerweiterung dokumentiert. Auch in Westeuropa gibt es seit den 1970er Jahren wieder Wildschweinvorkommen, teilweise durch aus Gehegen entkommene Tiere. Mittlerweile sind sie in Ländern wie Dänemark, Schweden und Norwegen wieder fest etabliert.

Anpassungsfähigkeit und urbane Vorkommen

Die bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit der Wildschweine zeigt sich besonders in urbanen Gebieten. In Berlin haben sich die Tiere stadtnahe Wälder als Lebensraum erobert und dringen zunehmend in Vorstädte und sogar die Innenstadt vor. Die Populationsdichte rund um Berlin wird auf etwa 10.000 Tiere geschätzt, im Stadtgebiet selbst leben rund 4.000 Tiere. Sie durchstöbern Gärten und Parks nach Nahrung und sind oft tagaktiv, da sie in Wohngebieten kaum Bejagung erfahren.

Ähnliche Phänomene sind in Wien zu beobachten, wo Wildschweine von der Lobau in Wohngegenden vordringen und sich von Komposthaufen und weggeworfenen Essensresten ernähren. Forstbetriebe setzen dort Lebendfallen ein, um die Tiere zu fangen und umzusiedeln.

Wildschwein auf der Suche nach Nahrung in einer städtischen Umgebung.

Eingebürgerung in anderen Kontinenten

Wildschweine wurden zu Jagdzwecken in verschiedenen Regionen der Welt eingebürgert. In den Vereinigten Staaten haben sie sich mit verwilderten Hausschweinen vermischt, wodurch die klare Abgrenzung zwischen Haus- und Wildschwein verloren gegangen ist. Auch in Südamerika, Neuguinea, Neuseeland, Australien, Hawaii, Trinidad und Puerto Rico gibt es eingebürgerte Wildschweinbestände, die teilweise erhebliche Schäden anrichten und als landwirtschaftliche Schädlinge gelten.

Sinnesorgane und Wahrnehmung

Wildschweine sehen schlecht, besitzen aber einen hervorragenden Geruchssinn. Dieser ermöglicht ihnen die effiziente Nahrungssuche, auch unter der Erde, weshalb sie traditionell zur Trüffelsuche eingesetzt werden. Ihr Gehör ist ebenfalls gut ausgebildet.

Ernährung

Als Allesfresser sind Wildschweine nicht wählerisch in Bezug auf ihre Nahrung. Sie fressen eine breite Palette von pflanzlichen und tierischen Komponenten, darunter Eicheln, Bucheckern, Wurzeln, Pflanzen, Pilze, Insekten, Regenwürmer, Schnecken, Mäuse, Amphibien, Vogelgelege und Aas. Diese Flexibilität in der Ernährung trägt wesentlich zu ihrer weiten Verbreitung und Anpassungsfähigkeit bei.

Die Nahrungssuche durch Wühlen im Boden trägt zur Bodenlockerung und zur Förderung der Keimung von Samen bei, was die Artenvielfalt im Wald erhöht. Sie können bis zu 90 % pflanzliche Kost zu sich nehmen, wobei Wurzeln, Eicheln, junge Triebe, Blätter, Gräser und Früchte bevorzugt werden. Ergänzt wird die Ernährung durch Wirbellose, Kleintiere und Aas.

Soziale Organisation und Kommunikation

Wildschweine sind soziale Tiere, die in Familienverbänden, den sogenannten Rotten, leben. Diese Rotten bestehen in der Regel aus weiblichen Tieren (Bachen) und ihren Nachkommen verschiedener Generationen. Die Führung innerhalb der Rotte übernimmt oft das älteste Weibchen, die Leitbache, was auf ein Matriarchat hindeutet. Männliche Tiere (Keiler) leben meist als Einzelgänger oder bilden temporäre "Junggesellengruppen".

Die Kommunikation erfolgt über eine Vielzahl von Lauten, darunter Grunzen (Kontaktrufe), Schnaufen oder Kreischen (Alarmrufe) und hohe, spitze Schreie (Kampfrufe). Auch die Körperhaltung spielt eine Rolle in der sozialen Interaktion.

Die Reviergrößen können je nach Lebensraum und Einflussfaktoren zwischen 8 und 30 km² variieren. Innerhalb dieser Gebiete befinden sich Wechsel, Suhlen und Schlafplätze (Kessel).

Eine Rotte Wildschweine, bestehend aus Bachen und Frischlingen, bei der Nahrungssuche.

Fortpflanzung und Lebenszyklus

Die Paarungszeit, auch Rauschzeit genannt, findet üblicherweise von Oktober bis Februar statt, wobei die Hauptpaarungszeit bei älteren Tieren im November bis Januar liegt. Nach einer Tragzeit von etwa 115 Tagen (oft 100 bis 130 Tage) bringen die Bachen in einem Wurfkessel ein bis zwölf Jungtiere zur Welt, meist zwischen vier und zwölf.

Die Frischlinge wiegen bei der Geburt 750 bis 1.000 Gramm und sind an ihrem hellbraunen Fell mit dunkleren Längsstreifen erkennbar. Sie bleiben die ersten Tage im Nest und werden von der Mutter umsorgt, bis sie etwa drei bis vier Monate alt sind und entwöhnt werden. Mit etwa sechs bis acht Monaten werden die Jungtiere geschlechtsreif. In freier Wildbahn können Wildschweine bis zu 21 Jahre alt werden, in der Wildnis jedoch meist nur bis zu 10 Jahre.

Die Fortpflanzungsbiologie ist flexibel: Bei guter Nahrungsverfügbarkeit und günstigen Umweltbedingungen können Geburten auch außerhalb der Hauptsaison erfolgen. Frischlingsbachen können das ganze Jahr über paarungsbereit sein.

Verhalten: Suhlen und Malbäume

Wildschweine sind reinliche Tiere und nehmen regelmäßig Schlammbäder, um sich vor Parasiten zu schützen, ihre Körpertemperatur zu regulieren und Insektenstiche abzuwehren. Nach dem Suhlen reiben sie sich an sogenannten Malbäumen die trockene Kruste ab. Diese Bäume weisen nach mehrmaliger Nutzung deutliche Spuren auf und dienen auch der Reviermarkierung. Männliche Tiere markieren Bäume zusätzlich mit ihren Eckzähnen.

Krankheiten und Gesundheit

Wildschweine sind anfällig für verschiedene Krankheiten, darunter die Aujeszkysche Krankheit und die klassische Schweinepest. Besonders relevant ist die Afrikanische Schweinepest (ASP), die für Menschen ungefährlich ist, aber erhebliche wirtschaftliche Schäden verursachen kann. Die Übertragung erfolgt hauptsächlich durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren, deren Kadavern oder durch kontaminierte Speiseabfälle und Gegenstände. Intensive hygienische Maßnahmen und die Eindämmung der Seuche sind entscheidend, um eine Ausbreitung auf Hausschweinbestände zu verhindern.

Trotz des Krankheitsrisikos steigt die Populationsentwicklung von Wildschweinen in vielen Regionen stetig an. Dies wird durch das Fehlen natürlicher Feinde wie Wolf und Bär in Deutschland sowie durch veränderte landwirtschaftliche Praktiken und den Klimawandel begünstigt.

Eine Wildschweinrotte suhlt sich in einem Schlammloch.

Wildschwein und Ökosystem

Entgegen ihres oft negativen Rufs spielen Wildschweine eine wichtige Rolle für die Gesundheit von Wäldern. Sie werden als "Gärtner des Waldes" bezeichnet, da sie durch ihr Wühlen zur Bodengesundheit beitragen und die Artenvielfalt fördern. Sie regulieren auch den Bestand von Schädlingen wie Blatthornkäfern und anderen Insektenlarven, die sie fressen.

Die intensive Land- und Forstwirtschaft, die auf Profitmaximierung ausgerichtet ist, kann jedoch zu Konflikten führen, indem sie Lebensräume verdrängt und Wildschweine als "Schädlinge" betrachtet. Studien zeigen, dass Wildschweine auf erhöhten Jagddruck mit einer erhöhten Fortpflanzungsrate reagieren, was die Populationskontrolle erschwert.

Konflikte mit dem Menschen und Management

Wildschweine können erhebliche Schäden in landwirtschaftlichen Flächen verursachen, indem sie beispielsweise Maisfelder oder Getreidefelder umwühlen und zerstören. Auch in Wäldern können sie junge Kulturpflanzen beschädigen. Um das Vordringen in Siedlungsgebiete zu verhindern, werden Verhaltensregeln empfohlen, wie das Nicht-Füttern, das Sichern von Komposthaufen und das Vermeiden von Lebensmittelresten im Freien.

Die Jagdstrecken in Deutschland zeigen eine hohe Zahl erlegter Wildschweine, die auf die Notwendigkeit der Populationsregulierung hinweist. Die Jagdmethoden und -strategien werden diskutiert, um eine effektivere Kontrolle der Bestände zu gewährleisten. Studien legen nahe, dass eine stärkere Bejagung weiblicher Tiere zur Regulierung der Population beitragen könnte.

Die von Wildschweinen verursachten Schäden in der Landwirtschaft sind ein bedeutendes Problem. Sie lieben Maiskolben und wühlen in Wiesen und Weinbergen nach Nahrung. Um das Vordringen in Siedlungsgebiete zu verhindern, sind solide Zäune von mindestens 1,5 Metern Höhe erforderlich, da Maschendrahtzäune leicht überwunden werden können.

Bei Begegnungen im Wald ist es wichtig, Ruhe zu bewahren, keine hektischen Bewegungen zu machen und sich langsam zurückzuziehen. Wildschweine, insbesondere Bachen mit Frischlingen, können sich wehrhaft verteidigen.

Wie malt das Wildschwein? | Reportage für Kinder | Pia und die wilden Tiere

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