Die Jungfräulichkeit Mariens ist ein tief verwurzeltes Glaubensgut, das seit Jahrhunderten Eingang in das Glaubensbekenntnis der Kirche gefunden hat. So heißt es im eucharistischen Hochgebet während der Weihnachtsoktav: "Heute feiern wir den Tag, an dem Maria in unversehrter Jungfräulichkeit der Welt den Erlöser geboren hat." Doch so selbstverständlich diese Aussage auch sein mag, sie wirft immer wieder Fragen auf, die nicht nur aus naturwissenschaftlicher Sicht relevant sind.
Die drei Momente der jungfräulichen Mutterschaft
Der Glaubenssatz der Kirche betont die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens, die drei Momente umfasst:
- Jungfräuliche Empfängnis: Die Menschwerdung Jesu wird als Wirken des Heiligen Geistes verstanden, nicht als Ergebnis eines Zeugungsaktes zwischen Josef und Maria.
- Jungfräuliche Geburt: Der Geburtsvorgang Jesu wird als so außerordentlich beschrieben, dass die Jungfräulichkeit Mariens dabei nicht beeinträchtigt wurde.
- Immerwährende Jungfräulichkeit: Diese Aussage, die Maria als "allzeit jungfräulich" bezeichnet, wurde im Laufe der Kirchengeschichte mehrfach thematisiert und diskutiert.

Historische und theologische Einordnungen
Die jungfräuliche Empfängnis Mariens wurde bereits auf frühen Konzilien der Kirche rezipiert. Im Großen Glaubensbekenntnis von 381 heißt es: "Er hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist aus Maria, der Jungfrau, und ist Mensch geworden." Die Stoßrichtung dieser Aussage ist klar: Sie betont, dass Jesus nicht der leibliche Sohn Josefs ist, sondern seine Menschwerdung ein direktes Handeln Gottes darstellt. Dies widerspricht der Annahme, Gott habe ein bereits gezeugtes Kind lediglich als seinen Sohn adoptiert.
Das zweite Konzil von Konstantinopel im Jahr 553 bezeichnet Maria als "allzeit jungfräulich". Diese Aussage steht jedoch im Konflikt mit neutestamentlichen Berichten, die Jesus als Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon sowie Schwestern erwähnen (Mk 6,3). Die katholische Tradition interpretiert diese als engere Verwandte, nicht als leibliche Geschwister Marias und Josefs.
Naturwissenschaftliche und religionsgeschichtliche Kritik
Insbesondere in der Neuzeit geriet die immerwährende Jungfräulichkeit Mariens vermehrt in die Kritik. Aus naturwissenschaftlich-biologischer Perspektive wird die Möglichkeit einer Empfängnis ohne Zeugungsakt in Frage gestellt. Religionsgeschichtlich wird argumentiert, dass biblische Geschichten Mythen darstellen könnten, in denen Gott die Rolle des Mannes im Zeugungsakt übernimmt.
Die Frage, ob das Bekenntnis zur Jungfräulichkeit Mariens eine rein theologische Aussage oder ein historischer Sachverhalt ist, wird unterschiedlich beantwortet. Einige Theologen führen Gründe für die Historizität an, während andere auf eine symbolisch-mythologische Deutung verweisen, die sich auf eine Fehlinterpretation von Jesaja 7,14 stützt ("Siehe, die Jungfrau hat empfangen..."). Ursprünglich im Hebräischen als "junge Frau" verstanden, wurde das Wort im Altgriechischen als "Jungfrau" übersetzt, was die Grundlage für die spätere theologische Auslegung bildete.
Interpretationsansätze zur Jungfräulichkeit
Augustinus legte eine Unterscheidung zwischen der Jungfräulichkeit des Leibes und der Jungfräulichkeit im Herzen nahe, wobei letztere den "unversehrten Glauben, die feste Hoffnung, die aufrichtige Liebe" umfasst. Diese Lesart wird von Theologen wie Gisbert Greshake geteilt, der betont, dass nicht die körperliche Ent-Haltung, sondern die innere Haltung Maria zur Jungfrau macht - eine Haltung der Offenheit gegenüber Gott und der Sehnsucht nach seiner Liebe.
Auch in der alten Kirche wurde die Jungfräulichkeit Mariens oft im übertragenen Sinne verstanden: "Jungfräulich muss der Glaube sein." Letztlich bleibt die genaue theologische Deutung der jungfräulichen Mutterschaft Mariens offen. Karl Rahner merkte an, dass die Jungfräulichkeit Mariens in der Hierarchie der Wahrheiten einen relativ sekundären Platz einnimmt.
Parthenogenese: Ein biologisches Phänomen
Die biologische Grundlage für eine Fortpflanzung ohne Zeugungsakt bietet die Parthenogenese, auch Jungfernzeugung genannt. Dies ist eine Form der eingeschlechtlichen Fortpflanzung, bei der Nachkommen aus einzelnen unbefruchteten Eizellen entstehen. Dieses Phänomen ist bei zahlreichen Pflanzen und weiblichen Tieren bekannt, darunter Blattläuse, Wasserflöhe, bestimmte Fisch- und Eidechsenarten sowie Schnecken.

Bei der Parthenogenese unterscheidet man zwischen obligatorischer und fakultativer Form. Bei der fakultativen Parthenogenese können sowohl parthenogenetische als auch sexuelle Populationen vorkommen. Die verbreitetste Form ist die Thelytokie, bei der aus unbefruchteten Eizellen weibliche Nachkommen entstehen.
Es gibt verschiedene Mechanismen der Parthenogenese:
- Apomiktische Parthenogenese: Die Eizellen entstehen durch mitotische Teilung, ohne Reduktionsteilung. Die Nachkommen sind Klone der Mutter.
- Automiktische Parthenogenese (Automixis): Nach der Meiose verschmelzen Kerne wieder, um den diploiden Zustand wiederherzustellen.
- Arrhenotokie: Aus unbefruchteten Eiern entwickeln sich haploide Männchen, aus befruchteten Eiern diploide Weibchen. Dies ist bei Insekten wie Honigbienen zu beobachten.
- Amphitokie (gemischte Parthenogenese): Aus unbefruchteten Eiern entstehen sowohl Weibchen als auch Männchen.
Bakterien der Gattung Wolbachia können die Geschlechtsbestimmung manipulieren und bei infizierten Arten ausschließlich parthenogenetische Weibchen erzeugen.
Obwohl die Parthenogenese bei vielen Tierarten vorkommt, gilt sie nach aktuellem Wissensstand für höhere Säugetiere und Beuteltiere als schwierig bis unmöglich, hauptsächlich aufgrund des Phänomens des Imprintings.
Die Jungfrauengeburt in anderen Kulturen und Religionen
Das Motiv der Jungfrauengeburt findet sich nicht nur im Christentum, sondern auch in anderen Mythen und Religionen. So wurde im Alten Ägypten der Horus-Knabe von seiner Mutter Isis jungfräulich geboren. Im Islam gilt Jesus Christus als Prophet, und im Koran wird seine Geburt durch Maria als ein Werk Allahs beschrieben, wobei Maria fragt: "Mein Herr, woher soll mir ein Sohn werden, wo mich kein Mann berührte?" Allahs Antwort lautet: "Also schafft Allah, was Er will; wenn Er ein Ding beschlossen hat, sprich Er nur zu ihm ‚Sei!‘ und es ist.“
Die biblische Erzählung von der Jungfrauengeburt könnte auch als Versuch interpretiert werden, den Makel eines unehelichen Kindes zu vertuschen. Im Markusevangelium (6,3) verwundert man sich über Jesus und fragt: "Ist er nicht der Sohn der Maria?". Matthäus (13,55) und Lukas (8,19) formulieren die Frage um zu: "Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns?" bzw. "Ist das nicht Josephs Sohn?".
Die Kirchen erkennen die biologische Unmöglichkeit der Jungfrauengeburt nicht an. Im apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es: "empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria". Während im protestantischen Glauben die Marienverehrung keine Rolle spielt und die Jungfrauengeburt eines von vielen Wundern ist, ist sie in der katholischen Kirche ein Dogma.
Diese weiblichen Tiere brauchen kein Männchen zur Fortpflanzung | Parthenogenese
Die Interpretation der Bibel ist stets von den Werten und Normen ihrer Leser geprägt. Die Jungfräulichkeit Mariens kann als Anlass dienen, die Grundlagen von Werte- und Meinungsbildung zu diskutieren, wie Universalismus, Menschenrechte und Wissenschaft. Die Auseinandersetzung mit religiösen Schriften aus historisch-kritischer Perspektive ermöglicht ein liberales Religionsverständnis und schützt vor der Ideologisierung der Bibel durch rechtsreligiöse Gruppen, die zu bedenklichen, menschen- und wissenschaftsfeindlichen Theorien und politischen Positionen führen kann.