Die präverbale Entwicklung des Menschen ist ein faszinierendes Feld, das in den letzten Jahrzehnten durch neue Forschungsergebnisse revolutioniert wurde. Insbesondere das Bild des Säuglings hat sich gewandelt: von einem passiven Wesen, das primär seinen körperlichen Bedürfnissen ausgeliefert ist, hin zu einem aktiven und bereits von Geburt an hochgradig kompetenten Individuum.
Die Entdeckung des Kindes und die "Sentimentalisierung der Kindheit"
Seit der "Entdeckung" der Kindheit im späten 19. Jahrhundert wurden Kinder in Wissenschaft und Gesellschaft immer wieder unterschiedlich porträtiert, stets bestimmt vom jeweiligen Zeitgeist. Caroline Thompson spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer "sentimentalen Revolution", die mit dem späten 19. Jahrhundert begann und eine Verherrlichung der Kindheit und Elternschaft mit sich brachte. Dieses Phänomen wird auch als "Sentimentalisierung der Kindheit" bezeichnet.
In unserer heutigen Gesellschaft spiegelt das Bild des kompetenten Säuglings oder kompetenten Kindes den Wandel wider. Dieses Paradigma hat sich seit den späten 1990er Jahren vor allem in der Mittel- und Oberschicht etabliert. Die grundlegende Überzeugung dahinter ist, dass Säuglinge von Geburt an Persönlichkeiten sind, die als kompetente Kinder auf die Welt kommen und nicht als unfertige Wesen, denen erst durch Erziehung Wissen und Fähigkeiten vermittelt werden müssen. Diese neu gewonnene Sichtweise hat einen erheblichen Einfluss auf die Erziehung und die Erwartungen an Eltern.

Moderne Säuglingsforschung enthüllt erstaunliche Fähigkeiten
Die moderne Säuglingsforschung hat tatsächlich erstaunliche und verblüffende Erkenntnisse geliefert. Schon Neugeborene sind in der Lage, eine Vielzahl von Emotionen wie Überraschung, Ekel, Schmerz, Interesse oder Neugier auszudrücken. Sie können ihre Mutter und ihren Vater sogar am Geruch erkennen. Auch kleine Kinder zeigen bereits viel mehr Fähigkeiten, wenn man ihren Blick auf ihre Ressourcen und nicht auf ihre Defizite richtet. In diesem Sinne kann man sie tatsächlich als "kompetent" bezeichnen.
Diese neuen Erkenntnisse sind das Ergebnis intensiver Forschung mit neuartigen Methoden und Fragestellungen, an denen Psychoanalytiker, Psychologen und Kinderpsychiater beteiligt sind. Sie sehen, hören, riechen, fühlen und interagieren von Geburt an wesentlich mehr und differenzierter, als bisher angenommen wurde.

Missinterpretation von "Kompetenz" im Säuglingsalter
Leider werden diese Erkenntnisse oft falsch interpretiert. Laut Brockhaus bedeutet Kompetenz schlicht und einfach "Sachverstand", welcher Wissen voraussetzt, um Phänomene und Situationen wahrnehmen, verstehen und einordnen zu können. In diesem strikten Sinne sind Säuglinge und Kleinkinder noch nicht kompetent. Sie sind jedoch außergewöhnlich lernfähig und lernbereit, eine Eigenschaft, die lange Zeit unterschätzt wurde.
Die Vorstellung, dass Kinder von Geburt an kompetent sind und wir ihnen nur noch das "Wesentliche" beibringen müssen - wie frühes Lesen, Rechnen, Fremdsprachen oder Ballett - ist irreführend. Zwar sind kleine Kinder früh in der Lage, die Welt zu erobern, zu entdecken und zu verstehen, doch dies erfordert erhebliche Zeit und Anstrengung sowohl von den Kindern als auch von ihren Bezugspersonen, um die komplexe Welt der Laute, Farben, Formen, Gegenstände und Beziehungen zu begreifen.
Der Druck auf Eltern und die "perfekte Elternschaft"
In dem Maße, wie das Bild des "kompetenten Kindes" zu einem normativen Muster geworden ist und dessen Förderung gesellschaftlich eingefordert wird, steigt der Druck auf die Eltern, ein solches Kind vorweisen zu können. Die alleinige Verantwortung für das Wohlergehen und den Bildungserfolg des Kindes führt bei vielen Eltern zu Ängsten und Gewissensbissen, die sie oft durch den Versuch einer "perfekten Elternschaft" zu bewältigen suchen.
Unsere Gesellschaft setzt Eltern unter einen enormen Vollkommenheitsdruck: Sie sollen das Kind als Persönlichkeit mit eigenen Bedürfnissen und Ansprüchen verstehen, ihm bedingungslose Liebe entgegenbringen, seine Bedürfnisse stets an erste Stelle setzen und es nicht unnötig einschränken. Diese Erwartungshaltung, gepaart mit dem Wissen um die besonderen Lernfähigkeiten von Kindern, kann schnell zu einem übermäßigen Fokus auf frühe Förderung führen, anstatt die natürliche Entwicklung und die emotionale Bindung in den Vordergrund zu stellen.
Wie Kinder die Trennung ihrer Eltern bewältigen - KIDS | Doku HD | ARTE
Bedeutung für die psychoanalytische Theorie und Therapie
Die revolutionären Erkenntnisse der Säuglingsforschung haben auch tiefgreifende Auswirkungen auf die psychoanalytische Theorie und Therapie. Die neu gewonnenen Erkenntnisse über die Fähigkeiten von Säuglingen, ihre differenzierte Wahrnehmung und Interaktion von Geburt an, werden ausführlich diskutiert. Der Autor plädiert für eine Intensivierung des interdisziplinären Dialogs zwischen der Psychoanalyse und den angrenzenden Disziplinen, um ein umfassenderes Verständnis der kindlichen Entwicklung zu ermöglichen.
Martin Dornes, Dr. phil., Priv.-Doz., ist Soziologe, Entwicklungspsychologe und Gruppenanalytiker und hat sich intensiv mit diesen Themen auseinandergesetzt. Seine Arbeiten, wie beispielsweise "Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen", beleuchten die komplexen Zusammenhänge zwischen biologischer Reife, Umwelteinflüssen und der psychischen Entwicklung des Kindes.
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