Die kontroverse Fatwa zum Stillen Erwachsener im Islam

In einer kontroversen Debatte, die die Grenzen der islamischen Rechtsauslegung auslotet, wurde eine Fatwa des Professors Izzat Attia von der Al-Azhar-Universität in Kairo veröffentlicht, die die Frage des Stillens erwachsener Männer durch Frauen thematisiert. Diese Fatwa löste sowohl Entsetzen als auch Spott aus und warf grundlegende Fragen zur Interpretation religiöser Texte auf.

Die Fatwa und ihre Begründung

Die Kernpunkte der Fatwa von Izzat Attia besagten, dass eine muslimische Frau einem erwachsenen, nicht verwandten Mann die Brust geben dürfe. Nach fünfmaligem Stillvorgang würden beide als Milchverwandte gelten, was es der Frau erlaube, sich dem Mann unverschleiert zu zeigen und mit ihm alleine in einem Raum zu sein. Diese Interpretation stützte sich auf Überlieferungen aus dem Leben des Propheten Mohammed und seiner Frau Aisha.

Attia argumentierte, dass der Stillvorgang für Erwachsene das fünfmalige Säugen beinhalte und ein gemeinsamer Aufenthalt in einem geschlossenen Raum hierfür gestattet sei. Das Stillen müsse schriftlich dokumentiert werden. Er verwies auf eine Geschichte, in der Mohammed einer Frau riet, ihren erwachsenen Adoptivsohn zu stillen, um die Regeln der Geschlechtertrennung zu umgehen. Auch Aisha soll ihren Nichten empfohlen haben, jeden Mann zu stillen, mit dem sie allein zusammenkämen.

Karikatur eines Mannes, der eine Kollegin bittet, ihn zu stillen, um die Regeln der Geschlechtertrennung am Arbeitsplatz einzuhalten.

Reaktionen und Kritik

Die Veröffentlichung der Fatwa in der Zeitschrift der Regierungspartei führte zu einem öffentlichen Aufschrei. Ägyptische Medien kritisierten die Auslegung scharf, der Informationsminister ordnete den Rückruf der Regierungszeitschrift an, und die Muslim-Bruderschaft brachte das Thema ins Parlament. Dr. Atiyya wurde suspendiert, und ein Widerruf seiner Fatwa wurde nicht akzeptiert, da sie im Widerspruch zur gängigen Auslegung des islamischen Rechts stand.

Kritiker bezeichneten die Fatwa als "krank" und als etwas, das "absolut nichts mit Islam zu tun" habe. Die Vorstellung, dass ein erwachsener Mann direkt von der Brust einer Frau trinken müsse, stieß auf besonderes Unverständnis. Die ägyptische Zeitung "Al Dustour" warnte ihre Leser humorvoll, dass sie sich nicht wundern sollten, wenn sie einen 50-jährigen Beamten an der Brust seiner Kollegin saugen sähen.

Auch in Internet-Blogs und auf YouTube gab es heftige Reaktionen, die oft unterhalb der Gürtellinie lagen. Die Schiiten nutzten die Gelegenheit, um die Sunniten zu verspotten, da sie die betreffenden Überlieferungen nicht anerkannt hatten. Selbst christliche Fundamentalisten äußerten sich schadenfroh.

Historische und religiöse Hintergründe

Die Debatte um das Stillen Erwachsener hat tiefere historische und religiöse Wurzeln. Nach strenger Auslegung des islamischen Rechts dürfen nichtverwandte Männer und Frauen nicht allein in einem Raum zusammenkommen. Dies stellt in modernen Büroberufen, wo eine solche Trennung kaum durchsetzbar ist, ein Dilemma dar.

Die Idee der Milchverwandtschaft ist ein zentrales Konzept im islamischen Recht. Sie entsteht durch das Stillen und hat zur Folge, dass sich die Frau gegenüber dem Milchverwandten nicht verschleiern muss und mit ihm alleine sein darf. Allerdings dürfen Milchverwandte einander auch nicht heiraten.

Die Definition, wann genau eine Milchverwandtschaft entsteht, variiert. In extremen Fällen reichte ein einziger Tropfen Milch aus, um ein Eheverbot zu begründen. Dies spielte beispielsweise bei einigen Völkern des Kaukasus und Hindukusch bis ins 19. Jahrhundert eine Rolle, wo ein symbolischer Stillakt bei unverheirateten Paaren eine doppelte Funktion erfüllte: Er bestrafte sie mit einem ewigen Eheverbot und schuf gleichzeitig ein Verwandtschaftsband, das Blutrache verhinderte.

Die Überlieferungen, auf die sich Attia berief, stammen unter anderem aus den Buchari-Überlieferungen der Sunniten. Eine bekannte Geschichte berichtet von Mohammeds Lieblingsfrau Aisha, die einer Frau riet, ihren heranwachsenden Adoptivsohn zu stillen, um das Problem der gemeinsamen Unterbringung zu lösen. Die Interpretation dieser Geschichte ist umstritten, wobei einige argumentieren, dass der Sinn der Regel und nicht ihr Wortlaut entscheidend sei.

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Die Rolle von Aisha und andere Beispiele

Die Figur der Aisha, Mohammeds Frau und eine wichtige Überlieferin von Hadithen, spielt in dieser Debatte eine zentrale Rolle. Berichte deuten darauf hin, dass sie das Stillen von Erwachsenen als Mittel zur Herstellung von Milchverwandtschaft befürwortete, um die Regeln der Geschlechtertrennung zu umgehen. Dies wird in Überlieferungen wie der von Sahla Bint Suhail erwähnt, die Aisha fragte, wie sie ihren erwachsenen Adoptivsohn Salim stillen solle, woraufhin der Prophet Mohammed antwortete: "Still ihn."

Die Debatte um das Stillen Erwachsener ist nicht auf den Islam beschränkt. Historisch gesehen galt Frauenmilch in verschiedenen Kulturen als Wundermittel. Im mittelalterlichen Persien wurde Frauenmilch auf dem Markt verkauft, und im Christentum ist die Verehrung von Marias Milch als Reliquie bekannt.

Die Rücknahme der Fatwa und ihre Bedeutung

Angesichts der heftigen Kritik und des öffentlichen Aufschreis zog Izzat Attia seine Fatwa schließlich zurück. Er entschuldigte sich und erklärte, er habe eine "schlechte Interpretation eines speziellen Falls aus der Zeit des Propheten" abgeliefert. Die Universität veröffentlichte eine Erklärung, die seine Entschuldigung enthielt.

Trotz der Rücknahme bleibt die Kontroverse bestehen und wirft ein Schlaglicht auf die Herausforderungen bei der Interpretation religiöser Texte in einer sich wandelnden Welt. Die Fatwa, obwohl zurückgezogen, diente als eine Art Satire auf jede fundamentalistische Schrifteninterpretation und zeigte, wie sehr die Auslegung von religiösen Geboten von kulturellen und sozialen Kontexten beeinflusst wird.

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