Geschlechtsselektive Abtreibung: Ein globales Problem

Einleitung

Die Möglichkeit, das Geschlecht eines Kindes vor der Geburt zu bestimmen, hat weltweit zu einer besorgniserregenden Praxis geführt: der Abtreibung aufgrund des Geschlechts. Schätzungen zufolge sind allein in 12 Ländern weltweit etwa 23 Millionen Mädchen abgetrieben worden, weil sie das „falsche“ Geschlecht hatten. Diese Zahlen stammen aus neuen Berechnungen, die in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht wurden (2019; doi: 10.1073/pnas.1812593116).

Grafik, die die weltweite Verteilung von geschlechtsselektiven Abtreibungen zeigt

"Gender Disappointment": Wenn Eltern enttäuscht sind

Für viele werdende Eltern ist die Enthüllung des Geschlechts ihres Babys ein freudiger und aufregender Moment, der oft mit einer Feier begangen wird. Doch nicht immer ist diese Nachricht mit Freude verbunden, insbesondere wenn die Eltern sich ein anderes Geschlecht gewünscht hatten. Dieses Phänomen wird als "Gender Disappointment" bezeichnet.

Leserberichte verdeutlichen die emotionalen Auswirkungen: Ein 53-jähriger Leser namens Ron berichtete, dass seine Ex-Frau abtreiben wollte, als sie erfuhr, dass es ein Junge wird, was zu einer Beziehungskrise führte. Eine andere Leserin, Anna (Name geändert), die sich unbedingt einen Jungen wünschte, erlebte nach der Nachricht, dass es ein Mädchen wird, einen Zusammenbruch. Obwohl sie heute überglücklich über ihre Tochter ist, schämt sie sich für ihre anfängliche Enttäuschung. Ähnliche Gefühle von Wut auf das Ungeborene beschrieb Samantha (Name geändert), die ihr Kind heute ebenfalls über alles liebt.

Ursachen und Hintergründe von "Gender Disappointment"

Es gibt verschiedene Gründe, warum Menschen ein bestimmtes Geschlecht bevorzugen. Laut Psychologin Julia Ditzer spielen dabei gesellschaftliche Stereotypen und Erwartungen eine Rolle. In westlichen Kulturen ist auch der Wunsch nach "family balancing" verbreitet, was bedeutet, dass beide Geschlechter in einer Familie gleichmäßig vertreten sein sollen.

Personen mit einer neurotischen, extrovertierten und gewissenhaften Persönlichkeit sind laut Ditzer besonders anfällig für "Gender Disappointment". Studien deuten darauf hin, dass Eltern zwischen 19 und 25 Jahren konkretere Vorstellungen vom Geschlecht ihres Kindes haben, während mit zunehmendem Alter der allgemeine Kinderwunsch den Wunsch nach einem bestimmten Geschlecht überwiegt.

Umgang mit "Gender Disappointment" und rechtliche Rahmenbedingungen

Fachpsychologin Annina Mäder rät werdenden Eltern, die von "Gender Disappointment" betroffen sind, sich mit nahestehenden Personen auszutauschen. Sie betont, dass diese Enttäuschung meist spätestens nach der Geburt nachlässt. In Deutschland ist die Abtreibung ohne medizinische Indikation bis zur zwölften Schwangerschaftswoche straffrei möglich. Um geschlechtsselektive Abtreibungen zu vermeiden, sind Ärzte verpflichtet, das Geschlecht des Kindes vor Ablauf dieser Frist nicht preiszugeben. Eltern erfahren das Geschlecht in der Regel erst um die zwanzigste Schwangerschaftswoche herum bei einem Ultraschalltermin.

Illustration, die die 12-Wochen-Frist für Abtreibungen in Deutschland darstellt

Pränataltests und ihre ethischen Implikationen

In den USA gibt es seit etwa zehn Jahren Tests zur frühzeitigen Geschlechterbestimmung, die langsam auch nach Deutschland gelangen - oft über den Versandhandel. Diese Tests variieren in ihrer Qualität und Zuverlässigkeit. Billige Urintests für etwa 20 Dollar haben eine Trefferquote von nur etwa 50 Prozent und werden von Experten als wissenschaftlich unhaltbar eingestuft. Teurere Bluttests für rund 230 Euro analysieren die im Blut der Mutter nachweisbare DNA des Kindes und bieten deutlich bessere Erfolgsaussichten. Diese Tests können ab der neunten Schwangerschaftswoche durchgeführt werden, theoretisch also auch innerhalb der Fristen, die in Deutschland ein Schwangerschaftsabbruch straffrei ermöglichen.

Kristijan Aufiero von der Lebensrechtsorganisation "1000plus" sieht in der frühen Geschlechtsbestimmung ein Risiko, wenn Eltern zwischen Leben und Abtreibung wählen wollen. Er argumentiert, dass Eltern, die das Beste für ihr Kind wollen, ihre eigenen Lebensumstände und auch die geschlechtlichen Präferenzen übermäßig negativ wahrnehmen und ihren Kindern ersparen möchten. Axel W. Bauer, Professor für Medizinethik, stimmt dem zu und betont, dass solche Tests lediglich die gesellschaftliche Akzeptanz für nicht-invasive Pränataldiagnostik erhöhen, ohne dass es dafür einen förderungswürdigen Grund gäbe, das Geschlecht des Kindes so früh zu erfahren.

Internationale Perspektive: Geschlechtsselektion als globales Phänomen

Weltweit sind geschlechtsselektive Abtreibungen ein gravierendes Problem, das zu erheblichen demografischen Ungleichgewichten führt. In vielen asiatischen Ländern, wie Indien und China, ist die Präferenz für männliche Nachkommen tief verwurzelt, was zu einem erheblichen Mangel an Frauen führt.

Asien: Ein alarmierendes Ungleichgewicht

In Indien kommen auf 1000 Jungen nur 914 Mädchen (Volkszählung 2011), ein deutlicher Rückgang im Vergleich zu früheren Jahren. Obwohl das indische Parlament 1994 die pränatale Geschlechtserkennung verboten hat, wird das Gesetz oft umgangen. In China ist die Ein-Kind-Politik zwar aufgehoben, doch der Wunsch nach männlichen Nachkommen bleibt bestehen, was zu einem Überschuss an heiratsfähigen Männern führt. Demographische Schätzungen gehen davon aus, dass in Asien insgesamt 117 Millionen Frauen fehlen, entweder durch Abtreibung oder Vernachlässigung nach der Geburt.

Die Folgen dieser Geschlechterungleichheit sind dramatisch: Gewalt gegen Frauen, Zwangsehen und steigende Suizidraten bei Frauen, die unter dem Druck stehen, einen Sohn zu gebären.

Indien-China: REVANCHE für Mädchen | ARTE Reportage

Europa und Balkan: Ein wachsendes Problem

Auch in Europa, insbesondere auf dem Balkan, ist die geschlechtsselektive Abtreibung ein wachsendes Problem. Länder wie Albanien, Kosovo, Montenegro und Mazedonien verzeichnen ein stark überrepräsentiertes Verhältnis von Jungen zu Mädchen bei Geburten. In Albanien kommen auf 100 Mädchen etwa 112 Jungen zur Welt. Dieser Trend wird auf kulturelle Präferenzen zurückgeführt, bei denen Söhne traditionell den Familiennamen weitertragen und sich um die alternden Eltern kümmern.

Die Europäische Union steht vor der Herausforderung, dieses Problem anzugehen, insbesondere im Hinblick auf die Beitrittsperspektiven der Balkanländer. Kritiker bemängeln, dass die EU Familienplanung in China kritisiert, während sie bei den Balkanländern, mit denen Verhandlungen geführt werden, zögert, Druck auszuüben.

Die Schweiz: Debatte um Informationsfreiheit und ethische Verantwortung

In der Schweiz ist die Debatte um geschlechtsselektive Abtreibungen im Gange. Während einige Experten davon ausgehen, dass die Mitteilung des Geschlechts in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen zu Abtreibungen führen könnte, argumentieren andere, dass ein Informationsverbot keine Lösung sei. Die Nationale Ethikkommission betont die Problematik, sieht aber in einem Verbot keine angemessene Antwort. Die Ärzte betonen ihre Verantwortung, Eltern aufzuklären und die Gefahren von Schwangerschaftsabbrüchen aufzuzeigen.

Strategien zur Bekämpfung geschlechtsselektiver Abtreibung

Verbote allein sind oft nicht ausreichend, um die gezielte Abtreibung von Mädchen zu verhindern. Es bedarf umfassender Strategien, die auf Aufklärung, Gleichstellung und Wertschätzung von Mädchen abzielen.

  • Aufklärungskampagnen: Sensibilisierung der Bevölkerung für den Wert von Mädchen und die negativen Folgen der Geschlechterungleichheit.
  • Gesetzliche Gleichstellung: Stärkung der Rechte von Frauen und Mädchen, einschließlich Erbschafts- und Landbesitzregelungen.
  • Förderung von Selbstwertgefühl: Stärkung des Selbstbewusstseins von Frauen und Mädchen, um traditionelle Verhaltensmuster zu ändern.
  • Internationale Zusammenarbeit: Druck auf Länder auszuüben, die diskriminierende Praktiken zulassen, und Unterstützung von Initiativen zur Förderung der Gleichstellung.

In Südkorea beispielsweise konnten durch Medienkampagnen und Gesetze gegen Frauendiskriminierung die Geburtenraten so beeinflusst werden, dass heute viele jüngere Frauen lieber Mädchen bekommen als Jungen.

Infografik, die die Auswirkungen von Geschlechterungleichheit auf die Gesellschaft zeigt

Ethische und gesellschaftliche Herausforderungen

Die Debatte um geschlechtsselektive Abtreibung berührt grundlegende ethische Fragen nach dem Selbstbestimmungsrecht der schwangeren Frau und dem Schutz des ungeborenen Kindes. Die zunehmende technologische Machbarkeit von pränatalen Diagnosen stellt Gesellschaften weltweit vor die Herausforderung, Tradition, Fortschritt und Menschenrechte in Einklang zu bringen. Die Gleichstellung der Geschlechter und die Stärkung der Rolle von Frauen und Mädchen sind entscheidend, um die diskriminierende Praxis der geschlechtsselektiven Abtreibung langfristig zu bekämpfen.

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